Berlin (dpa) - Wallace Stegner gilt als einer der bedeutendsten amerikanischen Autoren des 20. Jahrhunderts und als die Stimme des Westens. Umso erstaunlicher ist es, dass der Pulitzer-Preisträger (1909-1993) in Deutschland erst lange nach seinem Tod entdeckt wurde.

2008 veröffentlichte der Deutsche Taschenbuch Verlag Stegners «Zeit der Geborgenheit», ein Jahr später «Die Nacht des Kiebitz». Beide Bücher fanden ein lebhaftes Echo in der Presse. Kein Wunder, denn Stegner ist ein Meister der Charakterzeichnung und fein ziselierter Porträts. In seinen Büchern geht es immer um die ganz großen Dinge des Lebens: Liebe, Freundschaft, Alter, Vergänglichkeit.

Das sind auch die Themen im dritten Buch Stegners, das nun auf Deutsch erschienen ist: «Vor der Stille der Sturm». Wer «Die Nacht des Kiebitz» gelesen hat, wird hier den beiden Protagonisten Ruth und Joe Allston wiederbegegnen. Joe Allston - in gewisser Weise ein Alter Ego des Autoren - ist ein pensionierter Literaturagent. Mit seiner Frau Ruth hat er dem wirren Treiben der Swinging Sixties an der amerikanischen Ostküste den Rücken gekehrt und sich auf seine alten Tage in die kalifornische Wildnis zurückgezogen.

Die Begegnung mit Menschen schätzt er nicht besonders. Seine ganze Leidenschaft gilt vielmehr der Natur, deren Wachsen und Treiben er fasziniert begleitet. Die detaillierten, liebevollen botanischen Schilderungen gehören zu den Highlights des Buches, stammen sie doch aus der Feder eines kundigen Autoren, denn Stegner war einer der ersten «Grünen» Amerikas. Mit besonderem Eifer bekämpft Allston ein toxisches Gewächs, das den Namen Giftsumach trägt. Seinen Feldzug gegen die ungeordneten Auswüchse der Natur wird er am Ende in jeder Hinsicht verlieren.

Die selbst gewählte Idylle des Rentnerpaares wird von zwei Personen gestört. Zunächst erscheint Peck, ein junger Aussteiger, den man wenig später wohl als Hippie bezeichnet hätte (das Buch wurde 1967 verfasst). Peck will anfangs nur auf Allstons Land campen, doch schließlich beansprucht er mehr und mehr Raum, zapft Allstons Wasser und Strom ab und gründet eine Art Aschram. Für den Rentner symbolisiert Peck einen verhassten selbstsüchtigen Individualismus. Er ist für ihn ein «Traumtänzer, Barfuß-Apostel, Weltverbesserer», kurz ein Vertreter der misstrauisch beäugten «modernen Jugend». Was die Sache noch schlimmer macht: Peck erinnert ihn an seinen eigenen Sohn Curtis, dessen Leben grandios gescheitert ist. Der Aussteiger zwingt ihn dazu, sich mit dieser lange verdrängten Vergangenheit auseinanderzusetzen.

Schließlich erscheint die neue Nachbarin Marian, eine junge Frau von 30 Jahren, die schwer an Krebs erkrankt ist. Trotzdem scheint sie das Leben und die Natur in all ihren Ausformungen zu umarmen. Zwischen dem Rentner und der jungen Frau entspinnt eine zärtliche Freundschaft, die umso intensiver ist, als sie vom Tod bedroht ist. Marian ist die geliebte Tochter, die Allston nie hatte. Der grantige, oft unleidliche Mann entdeckt das Leben mit neuen Augen. In schlagfertigen Dialogen, aber auch in winzigen Details von Mimik und Gestik gelingt es Stegner, dieses anrührende, immer fragile Verhältnis eindrucksvoll zu beschreiben. Die Geschichte wird zu einer Parabel über die Vergänglichkeit, über den Schmerz und die Liebe, die niemals in Kitsch abgleitet. Am Ende hat Allston eine wichtige Lektion gelernt: «Würde ich zurückkehren zu meinem Dämmerschlaf, um den Schmerz zu vermeiden, der damit einhergeht? Keine Sekunde.Dieser Kummer macht mich für ein ganzes Leben reicher.»

Wallace Stegner: Vor der Stille der Sturm. Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 360 Seiten, 14,90 Euro, ISBN 978-3-423-24898-3

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