Vor 100 Jahren wurde Astrid Lindgren geboren. Das Geheimnis ihres Erfolges: Sie nimmt Kinder ernst, spricht ihre Sprache. Mit aufmüpfigen Figuren wie Pippi Langstrumpf oder Karlsson vom Dach hält auch die Poesie Einzug in die Kinderliteratur.

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Astrid Lindgren - als Frau und Autorin so unbequem wie ihre Pippi, die ihr, wie sie einmal sagte, von all ihren Figuren am nächsten war.

Astrid Lindgren - als Frau und Autorin so unbequem wie ihre Pippi, die ihr, wie sie einmal sagte, von all ihren Figuren am nächsten war.

dpa

Astrid Lindgren - als Frau und Autorin so unbequem wie ihre Pippi, die ihr, wie sie einmal sagte, von all ihren Figuren am nächsten war.

Düsseldorf. Astrid Lindgren hatte einen Traum: eine gewaltfreie Welt. "Solange der Mensch auf dieser Erde lebt, hat er sich der Gewalt und dem Krieg verschrieben. Der uns vergönnte, zerbrechliche Friede ist ständig bedroht", stellte sie in ihrer Dankesrede für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 1978 fest.
 
Damit die Welt sich ändere, müsste es eine neue Art Mensch geben: "Ich glaube, wir müssen von Grund auf beginnen. Bei den Kindern."

Deshalb forderte die berühmte Schwedin bis ins hohe Alter eine gewaltlose Erziehung: "Wenn Kinder ohne Liebe aufwachsen, darf man sich nicht wundern, wenn sie lieblos werden." Sie selbst hat es im Leben nicht leicht gehabt, nach ihrer Vertreibung aus dem Paradies der ersten Lebensjahre.

Die legendäre Kindheit erlebt die Bauerstochter Astrid Ericsson, geboren am 14. November vor 100 Jahren, mit den Geschwistern Gunnar, Ingegerd und Stina auf dem elterlichen Hof Näs in Vimmerby in der schwedischen Provinz. In der smaländischen Natur, den elterlichen Blicken entzogen, spielen sie von früh bis spät.

Doch auch Kirschenpflücken und Schweinekuchen-Backen, Rübenverziehen, Brennnesselrupfen und Roggenstoppeln gehören zu den kindlichen Pflichten in jenen Tagen des einfachen Landlebens.

Was ihre Kindheit aber ausmacht, was ihre Geschichten durchströmt - ob Pippi Langstrumpf, Ronja Räubertochter, Lotta aus der Krachmacherstraße, Michel aus Lönneberga oder die Kinder aus Büllerbü -, das sind "Geborgenheit und Freiheit".

"Ich war ein Kind aus Bullerbü, und es gibt kein anderes Kind, das mich inspirieren kann, als das Kind, was ich selbst gewesen bin", betonte Lindgren einmal, als hätte sie selbst jene Krummeluspillen geschluckt, die Pippi Tommy und Annika verabreicht, auf dass sie niemals groß würden.

Doch Astrid wird groß, und die Moralvorstellungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Provinz treiben die schwangere, 18-jährige Volontärin der Tageszeitung in Vimmerby nach Stockholm. Den Kindsvater, Chefredakteur der Zeitung, will sie nicht heiraten.

Der kleine Lasse, geboren 1926, kommt zu Pflegeeltern nach Dänemark. Als die Sekretärin des Königlichen Automobil-Clubs dann 1930 ihren Chef Sture Lindgren heiratet, holt sie Lasse zu sich.
 
1934 kommt Tochter Karin zur Welt. Später, von 1946 bis 1970, arbeitet Astrid Lindgren als Lektorin im größten Kinderbuchverlag Schwedens, Raben und Sjögren, der auch ihre Bücher verlegt.

Als die Hausfrau Astrid Lindgren mit 37 Jahren zu schreiben beginnt, schöpft sie aus dem Fundus ihrer Erinnerungen. Der Erfolg ist sensationell: In 92 Sprachen werden ihre über 90 Bücher übersetzt, die die Autorin in 40 Jahren vorlegt. Die Gesamtauflage liegt bei über 145 Millionen Exemplaren.

Was macht diese Bücher aus, die bis heute die Regale der Kinderzimmer füllen, wo sie sich nun allerdings gegen die starke Konkurrenz eines gewissen Harry Potter behaupten müssen?

Die Antwort ist einfach und komplex zugleich: Astrid Lindgren nimmt Kinder ernst. Sie erzählt die Geschichten, die die kleinen Menschen interessieren, ohne sich zu ihnen hinunter zu bücken. Bei ihr ist Kinderliteratur auch Kunst.

Mit ihrem leichten und dennoch präzisen Stil spricht sie die Sprache der Kinder, gibt dabei der Phantasie einen realen Ton. Diese Autorin schreibt nicht selbstvergessen vor sich hin, sondern sieht Leser und Zuhörer vor sich, behandelt sie auf Augenhöhe. Sie erzählt, voller Liebe und Verständnis für ihre Figuren, um ihre Geschichten mit dem Gegenüber zu teilen.

Astrid Lindgren beschreibt nicht den beschaulichen Alltag der artigen, adrett gekleideten Nesthäkchen und Puckis, die damals als Mädchenlektüre gereicht wurden.
 
Ihr Freund Erich Kästner ereiferte sich einmal gegen "den Dilettantismus, die Tantenhaftigkeit, die Kitschsucht, mit der Jugendliteratur gemacht wird".

Der Kinder- und Jugendbuchautor Willi Fährmann ("Das Jahr der Wölfe") analysierte jüngst in einem lnterview: "Je weiter wir in der Geschichte zurückgehen, umso deutlicher wird es, dass die Kinder- und Jugendliteratur ein pädagogisches Instrument war. Das hat auch lange verhindert, dass darin Poesie stattfand."

Die Kleinen sollten klein gehalten werden. Astrid Lindgren will Kinder stark machen. Ihre Pippi, die 1949 in der Bundesrepublik erscheint, ist rotzfrech, bärenstark, trägt unmögliche Klamotten und erzieht sich selbst.
 
Ihre anarchische Haushaltsführung bereitet Kindern helle Freude, ebenso wie die Lügengeschichten des Hubschrauber-Monsters Karlsson vom Dach.

Wer ihre Abenteuer liest, schöpft Kraft und Mut, gerät geradezu in einen revolutionären Rausch. Kein Wunder, dass verunsicherte Pädagogen vor 1968 in diesen ungewaschenen Weltverbesserern eine Bedrohung ihrer Autorität sahen.

Wer aber genauer liest, entdeckt die Wärme, naive Weisheit und Disziplin (!), die in der Villa Kunterbunt gelehrt werden. "Am besten ihr geht jetzt nach Hause", sagt Pippi zu ihren neuen Freunden Tommy und Annika im ersten Buch, "denn wenn ihr nicht nach Hause geht, könnt ihr ja nicht wiederkommen. Und das wäre schade."

Der Lausebengel aus Lönneberga bringt seine Eltern zwar täglich zur Verzweiflung, doch hat er ein goldenes Herz und dabei einen geradezu kapitalistischen Geschäftssinn.
 
In den seltensten Fällen ist es seine Absicht, Ärger zu machen. "Unfug", sagt Michel gedrückt zu Schwester Ida, "Unfug wird’s von allein."

Nach 1968, in der Ära der anti-autoritären Erziehung, hieß es beispielsweise in einem "Kursbuch", Lindgren stelle "die Protestbedürfnisse der Kinder als märchenhafte Phantastereien dar und sperre sie so zwischen Buchdeckeln ein". Sie missbrauche Humor als Disziplinierungsmittel.

Als die so Gescholtene den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt, wurde das Komitee angefeindet. Was kann eine Kinderbuchautorin schon zum Weltfrieden beitragen?
 
Einige verlangten, dass Lindgren keine Rede in der Frankfurter Paulskirche halten sollte. Dann aber hielt die Schwedin ihre große Ansprache "Niemals Gewalt".

Astrid Lindgren, die 2002 mit 94 Jahren starb, war so unbequem wie ihre Pippi, die ihr, wie sie einmal eingestand, am nächsten von all ihren Figuren war.

In ihrer Heimat, wo die Stockholmer ihr ein Denkmal errichteten, veränderte sie Gesetze (das Tierschutzgesetz 1986), zog gegen Atomkraft zu Felde und stürzte 1976 die sozialdemokratische Regierung.
 
Mit ihrer Satire "Pomperipossa von Monismanien" führte die "Schwedin des Jahrhunderts" den Steuersatz von 102 Prozent ad absurdum, trat aus der Partei aus und rief - erfolgreich - zur Abwahl der Palme-Regierung auf. Der Steuersatz wurde gesenkt.

Das Verdienst der berühmtesten Kinderbuchautorin der Welt, die 1994 den Alternativen Nobelpreis erhielt, ist es nicht nur, Millionen Menschen glücklich gemacht zu haben. Vor allem hat sie den Erwachsenen die Augen geöffnet für die Bedürfnisse der Kinder.

Ihre Rede in der Paulskirche beendete die Preisträgerin damals mit einer Geschichte, die ihr eine alte Frau erzählt hatte. Diese wollte als junge Mutter einmal ihren Sohn bestrafen, weil sie an den Bibelspruch glaubte "wer die Rute schont, verdirbt den Knaben".
 
Sie schickte ihn in den Garten, einen Stock zu holen. Das Kind kam nach einer Weile weinend zurück und brachte einen Stein, weil es keinen Stock hatte finden können. Da, so Lindgren, habe die Mutter alles mit den Augen des Kindes gesehen.
 
Beschämt nahm sie den Jungen in die Arme. Den Stein legte sie auf ein Küchenbord, wo er als ständige Mahnung an ihr Versprechen zu sich selbst liegen blieb: niemals Gewalt.

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