Berlinale-Chef Dieter Kosslick über politisches Kino, die gesunde Vielfalt deutscher Filmkultur und den gewissen Kreisch-Effekt.

Herr Kosslick, es wird wieder glamourös bei der Berlinale. Welche Stars werden das Herz der Filmfans besonders schnell schlagen lassen?

Kosslick: Ich schätze, das passiert in dem Moment, in dem Shah Rukh Khan aus dem Auto steigt und direkt hinter ihm Angelina Jolie ankommt. Da könnte es durchaus sein, dass es einen gewissen Kreisch-Effekt gibt. Wenn im dritten Taxi noch Robert Pattinson sitzt, dann könnte es sehr laut werden. Tatsächlich werden die Auftritte aber an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten stattfinden. Wenn wir Meryl Streep den Ehren-Bären überreichen, dürfte das auch ein ganz besonderer Abend werden.

Welche Themen beschäftigen die Regisseure im Wettbewerb um den Goldenen Bären?

Kosslick: In allen Sektionen gibt es Filme, die sich mit Umbrüchen und Aufbrüchen beschäftigen – gesellschaftlichen und politischen wie auch privaten Umbrüchen. Wir haben den sogenannten Arabischen Frühling, den Aufbruch in Afrika und anderen Ländern als Thema in den Filmen und viele der Aktivisten eingeladen. Das zieht sich durch den Wettbewerb mit Regiearbeiten wie „Rebelle“ von Kim Nguyen über eine afrikanische Kindersoldatin aus dem Kongo. Es geht um die Folgen von Globalisierung, um Migration, Zensur von Künstlern und um Demokratisierungsprozesse. Auch zu den Folgen der Atomkatastrophe von Fukushima gibt es erste Filme.

Die deutschen Wettbewerbsteilnehmer Christian Petzold, Matthias Glasner und Hans-Christian Schmid könnte man als Vertreter einer neuen deutschen Innerlichkeit bezeichnen. Das deutsche Kinopublikum stürmt derzeit aber vor allem in leichte Komödien von Til Schweiger oder Matthias Schweighöfer. Wie erklären Sie diese Diskrepanz?

Dieter Kosslick (63), geboren in Pforzheim, ist seit 2001 Leiter der Internationalen Filmfestspiele Berlin. Zuvor war er neun Jahre lang Leiter der Filmstiftung NRW. Sein Berufsleben begann er als Büroleiter des Bürgermeisters von Hamburg, Hans-Ulrich Klose, danach war er Pressesprecher der Frauen-Gleichstellungsstelle.

Eröffnet wird die Berlinale (9. – 19. Februar) mit dem französischen Revolutionsdrama „Les Adieux à la Reine“ mit Diane Kruger als Königin Marie Antoinette. Insgesamt 18 Filme konkurrieren um den Goldenen und die Silbernen Bären, darunter „Barbara“ von Christian Petzold mit Nina Hoss als DDR-Ärztin, Hans-Christian Schmids Drama „Was bleibt“ mit Corinna Harfouch als depressiver Mutter und Matthias Glasers „Gnade“ mit Jürgen Vogel und Birgit Minichmayr als Norwegen-Auswanderer. Außer Konkurrenz läuft Doris Dörries Liebesfilm „Glück“. Werner Herzog zeigt seine Dokumentation „Death Row“ über zum Tode verurteilte Mörder.

Kosslick: Das Positive am neuen deutschen Kino ist, dass es viele Genres und viele unterschiedliche Arten von Filmen gibt, die viele unterschiedliche Menschen ansprechen. Eine Filmkultur, eine Filmindustrie zeichnet sich dadurch als gesund aus, dass man nicht alles über einen Kamm scheren kann – wie das zum Beispiel vor 20 Jahren war, als es mal drei Jahre nur Komödien gab. Das Arthouse-Kino ist heute lebendiger denn je, aber das kommerzielle deutsche Kino auch.

Petzold, Glasner und Schmid sind ja schon Stammgäste im Berlinale-Wettbewerb.

Kosslick: Jeder hat Stammgäste, wir auch. Natürlich hat ein Festival nicht nur die Verpflichtung, Autoren und Regisseure zu pflegen, sondern empfindet auch eine künstlerische Solidarität – neben der Aufgabe, neue Filmemacher zu finden und etablierte Regisseure zu zeigen. Aber wir würden das nicht machen, wenn uns die Filme nicht gefallen würden. Ich bin aus der Phase heraus, dass ich deutsche Filme programmieren muss, um zu beweisen, dass ich hinter dem deutschen Film stehe. Der deutsche Film hat in den vergangenen zehn Jahren auf der Berlinale eine Menge Bären abgeräumt.

Welchen Stand hat der deutsche Film im Ausland?

Kosslick: In unserem Filmmarkt und auch auf anderen Filmmärkten werden deutsche Produktionen sehr gut verkauft. Sehr viele Filme aus unserem letztjährigen Programm sind inzwischen auf mindestens 200 Filmfestivals in aller Welt gelaufen und haben Preise gewonnen – nicht nur der iranische Berlinale-Gewinner „Nader und Simin – eine Trennung“ oder Wim Wenders „Pina“. Zum Beispiel auch Ulrich Köhlers „Schlafkrankheit“, der in Deutschland nicht so gut lief, aber in New York beim Filmfestival super ankam.

Wie viele Filme haben Sie für die diesjährige Berlinale gesehen?

Kosslick: Mehr als 200. Ich schaffe vier bis fünf Filme pro Tag. Das ist nicht so witzig, wie man sich das vorstellt. Vor allem weil sehr viele Filme noch nicht in dem technischen Zustand sind, in dem sie der Kinozuschauer später sieht. Es ist heftig, so viele Filme zu sehen. Ich habe dann auch manchmal Probleme damit, dass ich Film mit Realität verwechsele. Das merke ich daran, dass ich leichte emotionale Schwankungen habe – wenn man zu viele Filme über Kindersoldaten und niedergeschlagene Aufstände guckt.

Leserkommentare


() Registrierte Nutzer