Florian Ebner zeigt im Museum Folkwang die längst fällige Retrospektive von Balthasar Burkhard in Deutschland.

Balthasar Burkhard:  Selbstbildnis 1977
Balthasar Burkhard (1944–2010) im Selbstbildnis von 1977.

Balthasar Burkhard (1944–2010) im Selbstbildnis von 1977.

Balthasar Burkhard/Museum Folkwang

Balthasar Burkhard (1944–2010) im Selbstbildnis von 1977.

Essen. Eigentlich ist Florian Ebner längst als Foto-Chef ans Pariser Centre Pompidou entschwunden, aber die Retrospektive über Balthasar Burkhard (1944–2010) im Folkwang-Museum wollte er doch noch selbst herausbringen. Schließlich verfolgt er sie seit Ende 2012, als er die Leitung der fotografischen Sammlungen in Essen übernahm. Er sieht in Burkhard ein Paradebeispiel für die Befreiung der Fotografie aus ihrer Dienerrolle und für ihren triumphalen Einzug in die großen Hallen der Kunst. Fotografie, Land Art, Konzept- und Körperkunst bilden nun eine großartige Einheit.

Der Besucher schreitet durch Fotos mit extrem langen Beinen wie durch einen griechischen Säulentempel. 1983 in der Basler Kunsthalle wie heute in Essen wirken Burkhards Abzüge wie Teile der Architektur. Es ist die Zeit, wo an verschiedenen Ecken der Welt die großen Formate die Sammler betören.

Nach diesem Präludium holt Ebner im Verbund mit den Kuratoren Martin Gasser und Thomas Seelig aus Winterthur die Biografie nach, zeigt die Aufnahmen des 20-jährigen Lehrlings beim Berner Fotografen Kurt Blum. Dies ist ein Glücksfall für den jungen Mann, denn erstens ist Blum an moderner Kunst interessiert und zweitens mausert sich Bern in den 1960er Jahren zur Avantgarde-Hochburg, mit Harald Szeemann an der Spitze. Burkhard fotografiert die Szene und wird Teil von ihr.

Er ist nun gleichsam der Hoffotograf von Szeemann, dem Direktor der Berner Kunsthalle und Organisator der berühmten Schau „When Attitudes Become Form“, die auch nach Düsseldorf wanderte. Seine Aufnahmen halten die neuen Formen der Kunst fest, die flüchtigen Installationen, Performances und Happenings der Fluxus-Künstler.

Burkhards Bilder werden ab 1967 zu abstrakten Landschaften

Dank seines Lehrmeisters Blum bekommt er nicht nur ein Gefühl für große Formate, sondern auch für Grauwerte und Kontraste. 240 x 321 Zentimeter misst die analoge Aufnahme des Ateliers von 1969 auf Fotoleinwand, in Zusammenarbeit mit dem Freund und Künstler Markus Raetz. Sie ist ein Novum, denn Burkhard stückelt nichts an. Möglicherweise hat er das Bild in einer Fabrikbadewanne gewässert und so abgezogen, dass das Licht von draußen den Holzboden und das Mauerwerk fein abgestuft zur Geltung bringt.

Museumsplatz 1, 45128 Essen, bis 14. Januar 2018, Di–So 10-18, Do bis 20 Uhr. Anschließend nach Winterthur und Lugano

1967 etabliert sich in Bern die von Christoph Megert gegründete Galerie mit der weltweit ersten Ausstellung zur konkreten Fotografie, und Burkhard gehört zu dieser Szene. Er schwimmt sich frei. Seine Bilder werden zu abstrakten Landschaften. Im Studio entstehen gigantische Körperbilder, die er bis zu einer Breite von 1320 Zentimetern vergrößert. Der Akt liegt ausgestreckt auf dem Boden, und das Licht gleitet kunstvoll über den stromlinienförmigen Körper.

Jennifer Gough-Cooper beschreibt im Katalog die Dunkelkammer von 1988 hinter dem Studio in Bern: „Der Raum schien vom Ausmaß eines Tennisplatzes; das belichtete Papier wurde gerollt und Zug um Zug in einer Reihe großer, auf dem Boden stehender, rechteckiger Wannen entrollt, die jeweils mit einer Chemikalie gefüllt waren: Entwickler drei Minuten, Stoppbad eine Minute und Fixierbad drei Minuten“ ist da zu lesen.

Der Besucher in Essen erlebt den menschlichen wie übrigens auch den tierischen Körper wie ein besonderes, hautnahes Gemälde. Immer in schwarz-weiß. In satten Grauschattierungen sind die Leinwände gehalten, als gelte es, das 19 und 20. Jahrhundert, die Malerei wie die Fotografie zur Einheit zu bringen.

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