Das Drama wird entpolitisiert.

Ballett
Für Alfred (Dmitry Semionov) ist Marianne (Monica Fotescu-Uta) nur eine Frau unter vielen.

Für Alfred (Dmitry Semionov) ist Marianne (Monica Fotescu-Uta) nur eine Frau unter vielen.

Bettina Stöß/Stage Picture

Für Alfred (Dmitry Semionov) ist Marianne (Monica Fotescu-Uta) nur eine Frau unter vielen.

Dortmund. Erneut gibt es einen Ballett-Knüller in Dortmund. Weniger, weil Xin Peng Wang die düsteren „Geschichten aus dem Wiener Wald“ von Ödön von Horváth in fantasievolle Tanzbilder umsetzt. Dem chinesischen Chefchoreographen ist ein Coup gelungen: Er hat einen der bedeutendsten Tänzer unserer Tage als dauernden Gast-Solisten nach Dortmund engagiert.

Dmitry Semionov (31) gehörte lange zu führenden Kompanien in Dresden und Berlin, bevor er als freischaffender Solist an den großen Tanzbühnen Europas Karriere machte. Für einen klassischen Tänzer ungewöhnlich groß, überzeugt er auch in Dortmund durch elegante, geschmeidige Darstellung, inklusive St. Petersburger Kirov-Stil, und federnde Sprung- und Pirouettenkünste.

Wangs Ensemble zeichnet seit Jahren hohe Tanz-Qualität aus

In Wangs softer Choreographie hat er leider nur selten Gelegenheit, damit zu brillieren. Semionov tanzt als Frauen-verschleißender Alfred die Hauptrolle in der Uraufführung, die im ausverkauften Dortmunder Opernhaus bejubelt wurde. Jubel nicht nur für die dauerhafte Tanz-Qualität, die Wangs Ensemble seit Jahren auszeichnet, sondern auch für die anrührend melancholisch erzählte Wiener-Wald-Geschichte um das Mädchen Marianne.

Sie wird zwischen zwei Männern hin- und hergerissen: dem biederen Oskar (Howard Quintero Lopez) und dem windigen Alfred, der mit ihr ein Kind zeugt, des Vaterglücks aber schnell überdrüssig wird. Walzer von Johann Strauss und Alban-Berg-Suiten treiben die Szenen an.

Mit Horvaths Brutalität und herber Sprache hat der aparte, harmlose, manchmal lustige Bilderreigen wenig zu tun. Wang und sein Dramaturg Baier entpolitisieren das 1931 uraufgeführte Drama, in dem Horvath den Aufstieg der Nazi-Bewegung vorwegnahm. Sie servieren leichte Kost, die hier und da irritiert, aber nie schockiert. Selbst nicht, wenn der Tod in Gestalt des Ausdruckstänzers Mark Radjapov Polka tanzt oder Marianne (exzellent: Monica Fotescu-Uta) im Dreivierteltakt geliebte Verstorbene umarmt – in Gestalt von Skeletten, die plötzlich vom Himmel baumeln.

Die Choreographie will vor allem gefallen, durch Leichtigkeit, Eleganz und Luftigkeit. Klar, dass zu diesem süffigen Abend an der schönen, nicht immer blauen Donau Heiterkeit gehört. Putzmunter wirken die Badeszenen im zebragestreiften Bade-Dress der 30er Jahre. Pein und Existenzangst der Weltwirtschaftskrise sind wie weggeblasen.

Fazit: Zu empfehlen ist der Abend eher Ballettfans als Freunden düsterer österreichischer Theaterkunst.

Service: Die nächsten Vorstellungen sind am 9., 15., 21., 26. und 29. März.

Karten: 0231/502 72 22.

In allen Vorstellungen tanzt der Star Dmitry Semionov eine der Hauptrollen.

theaterdo.de

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