Wotan Wilke Möhring
Der Schauspieler Wotan Wilke Möhring ist in der geplanten «Winnetou»-Neuverfilmung dabei. Foto: Carmen Jaspersen

Der Schauspieler Wotan Wilke Möhring ist in der geplanten «Winnetou»-Neuverfilmung dabei. Foto: Carmen Jaspersen

dpa

Der Schauspieler Wotan Wilke Möhring ist in der geplanten «Winnetou»-Neuverfilmung dabei. Foto: Carmen Jaspersen

Köln (dpa) - Auf diese Nachricht haben Karl-May-Fans Jahrzehnte gewartet: «Winnetou» soll neu verfilmt werden! Drei Filme sind geplant, die Dreharbeiten sollen noch im Sommer beginnen.

Die erste Rollenbesetzung steht auch schon fest: «Tatort»-Kommissar Wotan Wilke Möhring (47) soll Old Shatterhand spielen. Wohl noch wichtiger ist für Fans allerdings, von wem Winnetou selbst verkörpert werden soll. Hier hat Pierre Brice sehr große Mokassins hinterlassen.

Michael Petzel, Leiter des Karl-May-Archivs in Göttingen, rät zu einem «jungen, unbekannten Gesicht». Auf keinen Fall sollten die Filmemacher der Versuchung erliegen, an die legendären Kinofilme der 60er Jahre anzuknüpfen. Petzel fände es deshalb auch nicht gut, wenn der 86 Jahre alte Brice in der Rolle von Winnetous Vater Intschu tschuna noch einmal zurückkehren würde: «Das ist völlig undenkbar! Nein, wir müssen etwas total Neues kreieren, was das Alte völlig vergessen lässt!»

Es ist in diesem Jahr genau ein halbes Jahrhundert her, seit «Winnetou 3» in die Kinos kam, der Film, in dem der Häuptling der Apachen am Ende in die Ewigen Jagdgründe eingeht. Du lieber Manitou, was wurde da geheult, als der US-Militärarzt den grausamen Satz sprach: «Ich kann die Kugel nicht entfernen. Sie ist zu nah am Herzen.» Und nun? «Das liegt in Gottes Hand!» In einem Flashback sah Old Shatterhand alias Lex Barker nochmal alle Höhepunkte der langen Männerfreundschaft an sich vorbeiziehen. Iltschi, der treue Rappe, wieherte traurig zum Abschied, aus der Ferne drang das Glockengeläut von Santa Fe, und Winnetou sprach noch einen seiner berühmten Sätze in der 3. Person: «Dann hat Winnetou seine Aufgabe erfüllt!»

Das fiktionale Ereignis soll die damalige Jugend der Bundesrepublik geschockt haben wie zwei Jahre zuvor der Tod von John F. Kennedy. Der Produzent Horst Wendlandt (1922-2002) bekam Morddrohungen, und Rik Battaglia, der italienische Darsteller des Bösewichts Rollins, der die tödliche Kugel abgefeuert hatte, erhielt seitdem nie mehr einen Autogrammwunsch aus Deutschland.

Heute ist das alles kaum noch vorstellbar. Kleine Jungen spielen nicht mehr «Winnetou und Old Shatterhand», sondern haben ganz andere Helden: Die «Star Wars»-Figuren, Spiderman, Captain America... Gelesen wird «Winnetou» erst recht nicht mehr: Viel zu langspurig! Karl May (1842-1912) konnte ohne weiteres vier, fünf Seiten lang beschreiben, wie er anhand umgeknickter Grashalme ein ganzes Kriminalgeschehen rekonstruieren konnte. Crime gibt's nach heutigen Maßstäben auch eher wenig und Sex überhaupt nicht. Es sei denn, man unterstellt den beiden Blutsbrüdern eine homoerotische Beziehung.

Dennoch haben der Stoff und sein Autor auch im 21. Jahrhundert noch Potenzial. So erscheint Karl May aus heutiger Sicht als ungemein moderne Figur: Der kleine Sachse gab vor, seine Abenteuer im Wilden Westen und im Orient als Old Shatterhand und Kara ben Nemsi wirklich erlebt zu haben. Lange Zeit stellte man ihn deshalb als Lügner hin. Heute würde man wohl eher sagen, dass er als einer der ersten ein mediales Ich erfand: Selbstinszenierung im Stile Madonnas.

Viele andere Aspekte bieten ebenfalls Anknüpfungspunkte: So war es das erklärte Ziel des größten Bestseller-Autors im Wilhelminischen Deutschland, eine Brücke zwischen Kulturen und Religionen zu schlagen. «Ich wünsche, dass die Menschheit sich lieben lerne», sagte er in einem seiner letzten Interviews. «Vor allem erstrebe ich eine Aussöhnung des Morgenlandes mit dem Abendland.»

Eingefleischte Karl-May-Fans werden möglicherweise Bedenken haben, weil sich ausgerechnet der Privatsender RTL des großen Volksschriftstellers annimmt. Sie seien daran erinnert: Als 1962 mit «Der Schatz im Silbersee» das erste Karl-May-Abenteuer verfilmt wurde, hatten weder Produzent Wendlandt noch Hauptdarsteller Pierre Brice auch nur den blassesten Schimmer von Karl May. Gleichwohl war der Film ein Riesenerfolg: Drei Millionen Zuschauer tauschten in den nächsten Monaten für zwei Stunden die Enge ihres Alltags in der Adenauer-Republik gegen die Weite des Westens.

Die Schüler, die sich damals den «Bravo»-Starschnitt von Winnetou aufhängten, waren übrigens die spätere 68er Generation. Insofern darf man gespannt sein, was diesmal passieren wird.

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