Das Unwort des Jahres 2017 steht für den Versuch, Sachargumente durch falsche Behauptungen zu ersetzen.

Unwort des Jahres 2017
Professorin Nina Janich, Sprecherin der Jury, präsentiert das Unwort des Jahres 2017.

Professorin Nina Janich, Sprecherin der Jury, präsentiert das Unwort des Jahres 2017.

Andreas Arnold

Professorin Nina Janich, Sprecherin der Jury, präsentiert das Unwort des Jahres 2017.

Düsseldorf/Darmstadt. Es gehört zu den Ritualen fast jeder Demonstration: Die Veranstalter hantieren in der Regel mit höheren Teilnehmerzahlen als die Polizei. Da mischen sich Schätztechniken und Wunschdenken auf so muntere wie undurchschaubare Weise. Auch die vom Kirchentag 2017 kommunizierte Zahl von 120 000 Besuchern beim Abschlussgottesdienst in Wittenberg war hoch umstritten. Richtig peinlich wird es aber, wenn sich das Wunschdenken selbst entlarvt.

Donald Trumps Verärgerung darüber, dass zu seiner Amtseinführung vor ziemlich genau einem Jahr ungleich weniger Menschen erschienen als bei seinem Amtsvorgänger Barack Obama, war nicht überraschend. Die anschließende Erklärung seines damaligen Pressesprechers Sean Spicer aber schon: „Das war das größte Publikum, das jemals bei einer Vereidigung dabei war, sowohl vor Ort als auch weltweit. Punkt.“ Dem widersprach nun aber alles, was an Fakten vorlag: vergleichende Luftaufnahmen der beiden Amtseinführungen zum Beispiel oder auch die Fahrgastzahlen des öffentlichen Nahverkehrs.

Damit war eigentlich kein Spielraum mehr für unterschiedliche Wahrnehmungen. Aber die Präsidenten-Beraterin Kellyanne Conways wollte den Vorwurf falscher Behauptungen nicht hinnehmen: „Sean Spicer, unser Pressesprecher, hat dazu alternative Fakten dargestellt.“

Damit war ein Begriff in der Welt, der am Dienstag von einer mit vier Sprachwissenschaftlern und einem Journalisten besetzten Jury zum Unwort des Jahres 2017 in Deutschland gekürt wurde. Eine zweifelhafte Ehre, denn sie gilt laut Jury dem Versuch, „Falschbehauptungen als legitimes Mittel der öffentlichen Auseinandersetzung salonfähig zu machen“. Diese Praxis, so den Austausch von Argumenten auf Faktenbasis zu ersetzen, habe sich auch hierzulande besorgniserregend ausgebreitet, vor allem in den Sozialen Medien.

Im Zeitalter „alternativer Fakten“ würde es heute jedenfalls kaum noch jemanden verwundern, wenn sich der twitternde Präsident im Nachhinein durch die Darmstädter Entscheidung noch bestätigt sähe. Schließlich ist die Sicht seiner Mitarbeiter nun sogar von einer Fachjury in Deutschland ausgezeichnet worden.

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