Der Kirchentag möchte seine Vordenkerrolle untermauern. Doch welche Botschaft bleibt nach der Massenveranstaltung?

Evangelischer Kirchentag 2015 -   Abschlussgottesdienst
Aufnahme vom Abschlussgottesdienst.

Aufnahme vom Abschlussgottesdienst.

Patrick Seeger

Aufnahme vom Abschlussgottesdienst.

Stuttgart. „Vom Kirchentag geht das deutliche Signal aus . . .“ – traditionell leiten die Organisatoren des Protestantentreffens damit den Versuch ein, die Quintessenz der 2500 Veranstaltungen in fünf Tagen auf einige thematische Schlagworte zu verdichten und damit eine gesellschaftliche Vordenkerrolle zu untermauern.

Doch wenn sich die euphorisierende Wirkung der zweijährlichen Massenveranstaltung wieder gelegt hat, wird die Suche nach ihrer Signalwirkung eher ernüchternd ausfallen. Bei allem Sendungsbewusstsein: Weder hatte der Kirchentag eine klar umrissene und eindeutige Botschaft, noch kann er damit rechnen, dass der Rest der Gesellschaft überhaupt darauf wartet.

Der Kirchentag zeigt, wie christlich dieses Land ist

Ein neuerlicher Beweis für den Weg der Kirchen in die gesellschaftliche Bedeutungslosigkeit? Das Gegenteil ist der Fall. Gerade am Kirchentag lässt sich ablesen, wie christlich und gerade auch protestantisch grundiert dieses Land trotz aller Entfremdungsentwicklungen immer noch ist – und welchen wichtigen Beitrag die christliche Basis zur Bewältigung der aktuellen Probleme leistet.

Stuttgart war der letzte Kirchentag vor dem großen Reformationsjubiläum 2017 in Berlin und Wittenberg. Der Grundgedanke der Reformation vor 500 Jahren war die ständige Erneuerung. Das hat Protestanten empfänglich dafür gemacht, auf aktuelle Entwicklungen immer wieder neu zu reagieren und danach zu fragen, was jetzt getan werden muss.

Über 900 Gruppen und Initiativen haben sich präsentiert

Bei der Frage einer Willkommenskultur für Flüchtlinge kann keine Kommune auf ehrenamtliches Engagement ihrer Bürger verzichten. Ganz oft sind kirchliche Gruppen dabei die Motoren vor Ort. Christen haben schneller als andere auf die Überalterung der Gesellschaft reagiert und sich innerhalb der Hospizbewegung Gedanken über ein menschenwürdiges Sterben gemacht.

Das Christentreffen in Stuttgart ging am Sonntag mit einem Appell für mehr Flüchtlingshilfe und Mitmenschlichkeit zu Ende. Bei strahlendem Sonnenschein kamen nach Anagben der Organisatoren rund 95 000 Menschen zum Schlussgottesdienst auf dem Cannstatter Wasen zusammen.

Und diejenigen, die sich dem Eine-Welt-Gedanken verpflichtet fühlen, stützen in einer Welt der eskalierenden Konflikte durch ihr internationales Netzwerk weiter alle Bemühungen um Verständigung.

Ein Gang über den Markt der Möglichkeiten beim Kirchentag legt Zeugnis ab, wie breit christliches Engagement in der Gesellschaft verankert ist: Über 900 Gruppen, Initiativen und Einrichtungen haben sich dort präsentiert. Und sie sind ein wesentlicher Nährboden für das Gelingen unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens.

Außenminister Steinmeier hat in Stuttgart das Beharren auf noch so kleinen Hoffnungsansätzen verteidigt, um in den internationalen Konflikten millimeterweise einer Lösung näherzukommen. Die Protestanten weiß er dabei auf seiner Seite. Sie sind Experten der Hoffnung, weil diese zu den Kernbotschaften ihres Glaubens gehört.

Womöglich werden sie mit ihren Glaubensbotschaften immer weniger Menschen erreichen. Weniger wichtig werden sie dadurch nicht. Denn ihr Engagement, das sich dem Gefühl des hilflosen Ausgeliefertseins widersetzt, kann zum Mutmacher der Nation werden. Das ist das eigentliche Signal von Stuttgart. 

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