Bisher war das Demonstrieren eher etwas für die junge Generation. Das umstrittene Bahnhofsprojekt zeigt: Auch die Älteren nehmen politische Weichenstellungen nicht einfach klaglos hin.

Alles soll bleiben, wie es ist – in Stuttgart prägen ältere Menschen das Erscheinungsbild der Demonstrationen.
Alles soll bleiben, wie es ist – in Stuttgart prägen ältere Menschen das Erscheinungsbild der Demonstrationen.

Alles soll bleiben, wie es ist – in Stuttgart prägen ältere Menschen das Erscheinungsbild der Demonstrationen.

dpa

Alles soll bleiben, wie es ist – in Stuttgart prägen ältere Menschen das Erscheinungsbild der Demonstrationen.

Die Deutschen zelebrierten Proteste nicht wie ihre französischen Nachbarn dies tun, die Deutschen trachteten nicht nach revolutionärem Pathos: Demonstrationen hatten hier eher eine rituell-routinierte Note. Es ging traditionell gegen Atomkraft und Sozialabbau, die Demonstranten gehörten politisch den linken und ökologischen Biotopen des Bürgertums an. Seit Stuttgart 21 aber ist alles anders. Das Bahnhofsprojekt ist nicht nur Symbol einer neuen deutschen Protestkultur, sondern auch Zeichen einer Gesellschaft, die ihr Selbstverständnis drastisch verändert.

Eine ergraute Protestgeneration tritt der Politik entgegen

Neu ist an dem Massenprotest in Stuttgart, dass er sich nicht mehr an einem gesellschaftlichen Grundkonflikt entzündet, sondern an einem ideologisch unverdächtigen Bauwerk. Neu ist auch, dass da eine ergraute Protestgeneration der Politik entgegentritt. Vom „Aufstand der Silberköpfe“ ist die Rede, die sich des Mittels bedienen, das bisher das Privileg der Jugend war: der lauten, emotionalen Massendemonstration auf der Straße.

Der demografische Wandel ist angekommen in der deutschen Protestkultur. Eine „Methusalem-Revolte“ macht der Journalist Hans-Ulrich Jörges im „Stern“ aus. Ursache dafür sei, dass der Anteil der Älteren in Deutschland wächst. Aber auch, dass sich die Einstellungen der Menschen jenseits der Lebensmitte drastisch verändern. In den 70er Jahren hielten Senioren Proteste gegen die Obrigkeit noch für eine Art Landesverrat, heute begreifen sie diese als praktizierte Demokratie.

Entscheidend dürfte der Kulturbruch Ende der 1960er Jahre sein. Während der Studentenrevolution wurde ziviler Ungehorsam zur Grunderfahrung einer Generation. Heute geht diese Generation in Rente und entdeckt die Werte ihrer Jugend neu. Der Hippie von gestern wird zum neuen deutschen Rebell.

These: Alte kämpfen für die Zukunft der Nachfolgenden

Doch die These von der Rentner-Apo ist nur die halbe Wahrheit. Denn in Stuttgart protestieren ergraute 68er gemeinsam mit enttäuschten CDU-Wählern, mit einer etablierten bürgerlichen Mitte. In den politischen Magazinen ist eine Debatte über die neue deutsche Empörungskultur entbrannt. Der Soziologe Klaus Schömann etwa findet das Engagement der Senioren idealistisch. Ältere Menschen wollten etwas Bleibendes schaffen und an nachfolgende Generationen weitergeben“, sagt er. Die alten Rebellen mischten sich aus Verantwortung ein, weil sie mit den Entscheidungen der politischen Kaste unzufrieden seien, den demokratischen Souverän wieder ins Zentrum rücken wollten und im Namen ihrer Enkel für eine bessere Zukunft kämpften.

Antithese: „Wutbürger“ verteidigen nur ihre komfortable Gegenwart

Die Franzosen sind die streikfreudigsten Europäer. Mentalitätshistoriker glauben, dass dies ein Erbe der revolutionären Geschichte ist. Die Protestkultur ist durch und durch konservativ: Wer – wie Staatspräsident Sarkozy – versucht, an den Stellschrauben des sozialen Sicherungssystems zu drehen, erntet wütende Massenproteste. Häufig vermischt sich in Frankreich friedlicher Protest mit Krawallen und Ausschreitungen. Auch das Kidnapping von Firmenchefs durch die Belegschaft ist Teil dieser rigorosen Protestkultur. Was in Frankreich anders als in Deutschland kaum jemanden auf die Barrikaden treibt: die Atomkraft.

Im europäischen Vergleich wird wenig und meist friedlich gestreikt. Die Bürger lassen sich bei Tarifauseinandersetzungen gerne durch starke Gewerkschaften vertreten,  die Arbeitskämpfe werden in der Regel in wenigen Wochen beigelegt. Generalstreiks, die das öffentliche Leben zum Erliegen bringen, sind in Deutschland verboten. Häufig geht es den Bundesbürgern bei Demonstrationen um soziale Gerechtigkeit und Atomkraft.

Während in Deutschland traditionell die politische Linke als streikfreudig gilt, ist es in den USA das rechte Lager, das auf die Straße geht. So kämpfte die ultrakonservative Tea-Party vor den Kongresswahlen im November gegen strengere Waffengesetze, gegen Staat und Steuern, gegen Abtreibung und Einwanderung.

Der Typ des Dauerstreikers hat in Griechenland eine lange Tradition. Sobald eine Berufsgruppe ein Privileg verliert, Reformen durchlebt oder Einbußen hinnehmen muss, macht sie mobil. Niemand schreckt davor zurück, für die eigenen Interessen und die seiner Kollegen das Stadtzentrum Athens lahmzulegen. Neu sind die wütenden Proteste derjenigen, die hart von der Finanzkrise betroffen sind – dies sind vor allem junge Menschen.

Soziale Themen wie eine Rentenreform können hier kaum die Massen mobilisieren. Emotionalität hingegen ist in Spanien fast alles. Gewaltverbrechen von Männern an Frauen oder der baskische Eta-Terror sind typische Themen, die die Spanier in Rage versetzen. Atomkraft hingegen lässt die Menschen kalt. Ausnahme: In diesem Jahr gingen Bürger zweier Dörfer auf die Straße, die sich um den Standort einer atomaren Endlagersstätte zankten. Beide pochen auf die Anlage, um neue Arbeitsplätze zu schaffen.

Vernichtend fällt hingegen das Urteil des Spiegel-Autors Dirk Kurbjuweit aus. Für ihn sind die demonstrierenden Senioren „Wutbürger“, die ihre komfortable Gegenwart zu Lasten einer guten Zukunft verteidigen. Seine These: Bahnhöfe haben hohen Symbolwert für Städte, sie sind „die Kathedralen der Moderne“, weswegen die neue unterirdische Durchgangsstation für Stuttgart ein Meilenstein wäre. Nur: Bevor dieses städtebauliche Glanzstück den Bürgern zur Verfügung steht, verwandelt sich die City auf Jahre in eine Großbaustelle. Unter dem Dreck, Lärm und Chaos leidet vor allem das gesetzte Großstadtbürgertum in seinen schicken Gründerzeit-Domizilen. Also jene, die am lautesten gegen das Projekt demonstrieren.

Die 68er kämpften für ein anderes Morgen, die Alt-68er für das Gestern

Die alten Rebellen verkörpern für Kurbjuweit eine „Dagegen-Republik“, in der Politik-Verdruss, Selbstsucht und panische Angst vor Veränderungen herrschen. Die wachsende Gruppe der Alten blockiere jeden Wandel, weil sie sich an das Bestehende klammere. „Weil Deutschland altert“, schreibt er, „erlahmt es auch“. Das wäre eine Ironie der Geschichte: Die 68er kämpften gegen das Gestern und für eine radikal veränderte Zukunft, die Alt-68er kämpfen gemeinsam mit der verbitterten konservativen Mitte für das Gestern und gegen die Zukunft.

Leserkommentare (20)


() Registrierte Nutzer