Den amerikanischen Filmstar zu parodieren, gehört zu den liebsten Nummern des Kabarettisten. Politische Themen scheut der 41-Jährige ebenso wenig wie Comedy-Einlagen.

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Thilo Seibel: „Ich kann alles, alles außer Tiernahrung.“

Thilo Seibel: „Ich kann alles, alles außer Tiernahrung.“

Friedhelm Reimann/ thiloseibel.de

Thilo Seibel: „Ich kann alles, alles außer Tiernahrung.“

Düsseldorf. Geschrumpft ist er, der amerikanische Filmstar Bruce Willis. Auf gerade mal einen Meter siebenundsechzig. Auf die Größe von Thilo Seibel:

Der schmächtige Seibel parodiert den starken Willis auf der Bühne, schwingt sich mit seiner deutschen Stimme auf zum Retter der Welt: "Yippiayeah, Schweinebacke!" Und Actionheld Willis heizt Politikern wie Müntefering oder Westerwelle ein - auch die spielt Seibel.

Der Mann hat keine Hemmungen, mischt politisches Kabarett mit Comedy und Parodie. "Es gibt unter den Politikern genug Lachnummern, mit denen ich die Leute unterhalten kann", sagt er schmunzelnd.

Thilo Seibel - ist er nun der Komiker unter den Kabarettisten oder umgedreht? "Ich finde diese Trennungslinie zwischen Kabarett und Comedy sehr willkürlich, mir ist ein guter Comedian lieber als ein langweiliger Kabarettist", sagt Seibel.

Gekonnte Comedy könne einen positiven Einfluss aufs Kabarett haben. Genau aus diesem Grund macht er Politcomedy. Was dann so aussieht: Im zerfetzten, blutbefleckten Feinripp-Unterhemd stürmt Seibel auf die Bühne, droht als Bruce Willis: "Ich kann alles, alles außer Tiernahrung."

Thilo Seibel, 1967 in München geboren, wuchs im Bergischen Land und in Belgien auf, lebt seit 1990 in Köln; er ist verheiratet, hat eine Tochter. Als Hobbys gibt der Diplom-Betriebswirt an: "Mein Beruf und meine Familie - und Lesen natürlich." Anfang der 1990er-Jahre startete er seine Solokarriere als Kabarettist, war redaktioneller Mitarbeiter bei TV-Kabarettsendungen, trat zwischenzeitlich im Duo mit Lüder Wohlenberg auf, ist Mitglied des Kabarett-Ensembles "Köln-Düsseldorfer" und auch bekannt als "Kollege Bruce" aus der erfolgreichen Radio-Comedy-Serie; da imitiert er, wie auf der Bühne, die Stimme von Manfred Lehmann, des deutschen Synchronsprechers von Bruce Willis. Aktuelles Bühnenprogramm: "Keine Gefangenen!"

Zusammen mit Stoiber, Schröder oder Heinz Rühmann - Seibel spricht sie alle - versucht er in Berlin, das Konjunkturpaket ("eine gelbe Bombe mit sozialem Sprengstoff") zu entschärfen. Nebenbei reformiert Seibel "die Bahn, die viel besser ist als ihr Ruf - im Vergleich zur Bahn in Kasachstan".

Dabei hüpft er wie aufgedreht, quietscht und piepst, stottert wie Stoiber, näselt wie Ulla Schmidt, sitzt dann ruhig auf dem Barhocker, jammert und jault, lacht und lästert. Und die Zuschauer lachen sich krumm.

Mal im Unterhemd, mal im Jacket - Grimassen kann er gut

Mit solchen Nummern aus seinem Programm "Keine Gefangenen!" hat Thilo Seibel Erfolg. Auf der Bühne, im Radio. Bisweilen auch im Fernsehen, doch ein TV-Star ist er nicht, steht nur gelegentlich vor den Kameras: "Überspitzt gesagt: Ich hab halt nicht so’ne Fernsehfresse."

Was Quatsch ist. Denn Seibel kann lustig aussehen, den Clown machen, ob im Unterhemd oder im "seriösen roten T-Shirt mit Jacket": Spitzbübisches Lächeln, breites Grinsen, Lachfalten vom Unterkiefer bis zur Schläfe, verknautschtes Gesicht, aufgerissene Augen - Grimassen kann er gut. Ebenso wie ernst und seriös dreinschauen.

Zum Beispiel, wenn er verrät, warum man ihn tatsächlich nicht so oft auf dem Bildschirm sieht: "Im Studio kriegt man meist ein Korsett verpasst, aber ich trete am liebsten auf, wenn ich machen kann, was ich will."

Was er machen will, war dem gebürtigen Münchener schon als Jugendlichem klar: nämlich Kabarett. Heutzutage aktualisiert der 41-jährige Wahl-Kölner in jeder freien Minute sein Programm, wenn er nicht gerade eine SMS verschickt. Dabei tippt er schneller Buchstaben in sein Handy, als andere sprechen können: "Ich bin ein SMS-Freak."

Demnächst präsentiert der Bühnenmensch sein neues Programm: "Hurra! Hurra! Das Öl ist aus!" Kein Öl mehr zum Verbrennen, keine Umweltverschmutzung - so löst Thilo Seibel die Probleme der Welt: "Klima ist lustig!", lacht er.

Der Künstler scheut nicht vor ernsten Themen zurück. Selbst mit dem Amoklauf in Winnenden oder dem Archiveinsturz in Köln könne ein guter Kabarettist sich befassen: "Ich mag keine Betroffenheitskultur", erläutert Seibel.

"Satire darf alles, nur Späße über Opfer sind tabu, aber sich über die Zusammenhänge und Hintergründe auszulassen, etwa über Waffengesetze oder den Kölner Klüngel, das ist okay."

Die Themen, die der Kabarettist Seibel hinterfragt, reichen von der Finanzkrise bis zum Elternabend: "Ich wünsche mir, das Publikum mit politischem Kabarett auch zum Nachdenken anzuregen. Aber hauptsächlich gehe ich auf die Bühne, um die Leute gut zu unterhalten." Was aber ist das?

"Na ja, Unterhaltung ist Geschmackssache, manche stehen zum Beispiel auf Mario Barth, das ist auch okay." Mario Barth? "Handwerklich macht er das gut, inhaltlich muss man das nicht mögen." Dabei rümpft Seibel kurz die Nase, verknotet die Finger, zupft an seinem Pulli, als sei ihm unbehaglich: "Gute Kabarettisten sind für mich Kollegen wie Pispers, Priol oder Hader."

"Fast alle Politiker geben fürs Kabarett was her"

Und gute Politiker sind für Seibel solche, die fürs Kabarett was hergeben: "Eigentlich fast alle." Er stimmt nicht ein in den Klagegesang, in der Politik fehlten originelle Typen wie früher Strauß oder Wehner. "Das ist genau so platt wie das Gejammer: Früher war alles besser, die Zeit, die Jugend..."

Seibel schüttelt den Kopf, zupft an einer der wenigen Haarsträhnen. Man müsse nur genau hinsehen, dann lasse sich selbst Steinmeier karikieren: "Oder Rüttgers, der ist auch ’ne Lachnummer, so ein selbsternannter Sozialrevolutionär, aber eben nur populistisch."

Thilo Seibel macht eben aus jedem Politiker, der als Langweiler daherkommt, eine Lachnummer, stellt ihn bloß, entlarvt seine Schwächen. Und aus einem großen Actionhelden macht er einen kleinen Spaßvogel: Dafür lässt der Seibel den Willis, wenn er in seine Rolle schlüpft, ganz schön schrumpfen. Auf gerade mal einen Meter siebenundsechzig.

Nachgefragt

Herr Seibel, womit tun Sie sich nach einem langen Arbeitstag etwas Gutes?

Seibel: Im Sommer lege ich mich auf eine Wiese am Rhein und gucke in die Luft, im Winter lege ich mich aufs Bett.

Ihre größte Schwäche?

Seibel: Ich denke immer: Ich muss noch mehr schaffen. Dabei sollte ich mich selbst in den Arm nehmen und sagen: genug.

Was bringt Sie in Rage?

Seibel: Mich regt es immer auf, wenn Leute Zusammenhänge begreifen, aber nicht danach handeln, ob beim Umweltschutz oder in einer Partnerschaft.

Ihre größte Stärke?

Seibel: Humor

Ihre Lieblingsspeise?

Seibel: Ich komme zu wenig zum Essen, hier mal ein Steak, da ein Obstsalat.

Wo finden Sie Urlaub besonders schön?

Seibel: In den Bergen, am liebsten in den Alpen.

Welches Buch lesen Sie gerade?

Seibel: "Dem Leben auf den Fersen", darin beschreibt Kurt Peipe, wie er mit Krebs im Endstadium auf Reisen geht.

Ihr größter Erfolg?

Seibel: Als Solist meine Form gefunden zu haben.

Was ist für Sie Glück?

Seibel: Mit Menschen zusammen zu sein, die man liebt.

Ihr Lebensmotto?

Seibel: Yippiayeah, Schweinebacke! Am Ende geht’s immer weiter!

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