Gastprofessor: Der Ex-Außenminister wirbt in Vorlesungen für die Zukunft der Europäischen Union.

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Joschka Fischer zog das Publikum in seinen Bann.

Joschka Fischer zog das Publikum in seinen Bann.

Nanninga

Joschka Fischer zog das Publikum in seinen Bann.

Düsseldorf. Stille breitet sich aus, als Joschka Fischer (62) in der Uni Düsseldorf ans Rednerpult tritt. Während seiner Rede macht er immer wieder dramaturgische Pausen. Die 630 Menschen im Saal, zumeist Studenten, hören ihm gebannt zu. Oft zieht Fischer die Augenbrauen hoch, schaut über den Brillenrand und sagt Sätze wie: "Ich mache mir große Sorgen über Europa." Die EU befinde sich in ihrer schwersten Krise. Diese könne eine "echte Tragödie" werden.

Früher war Fischer Gasthörer, nun ist er Gastprofessor

Fischer hat nie studiert. Er besuchte nur als Gasthörer Vorlesungen. Nun hat er einen Ruf als Gastprofessor an die Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf angenommen. Diese Ehre wurde vor ihm Literaten wie Siegfried Lenz oder den Staatsmännern Helmut Schmidt und Richard von Weizsäcker zuteil. Gestern hielt Fischer die erste von drei geplanten Vorlesungen.

Das Zögern der Bundesregierung in der Griechenland-Frage mache ihn wütend, ruft der ehemalige Bundesaußenminister in den Hörsaal: "Warum sich die Feuerwehr wochenlang am Kopf kratzt, anstatt die Pumpen zu bedienen, verstehe ich nicht." An Hilfe für Athen werde kein Weg vorbeiführen - oder "das ganze Haus wird niederbrennen."

Anfangs geht Fischer, der bereits 2006 ein Jahr lang als Gastprofessor an der US-Eliteuniversität Princeton lehrte, in der Rolle des Dozenten auf. Er skizziert die Leitlinien der europäischen Geschichte vom Dreißigjährigen Krieg bis heute, flicht aktuelle politische Analysen ein.

Dann steigert er sich, redet sich in Rage wie damals als Wahlkämpfer für Rot-Grün. Die Studierenden im Hörsaal klatschen immer wieder heftig. Mit Blick auf eine Aussage Guido Westerwelles, die EU dürfe keine "Transferunion" zu Lasten Deutschlands werden, ruft Fischer wild gestikulierend: "Wenn ich das höre, kriege ich einen dicken Hals."

Joschka Fischer wurde am 12. April 1948 in Gerabronn geboren. Der Grüne war Außenminister und Vizekanzler von 1998 bis 2005. Dann zog er sich aus der Politik zurück. Heute ist er unter anderem Berater in der Energiebranche für den Bau der Nabucco-Pipeline.

Als Gastprofessor hält Fischer an der Heinrich-Heine-Uni noch zwei weitere Vorlesungen (1. und 22. Juni) zum Thema "Europas Rolle in der Welt".

Joschka Fischer ist seit 2005 mit Minu Barati, Filmproduzentin und Tochter des iranischen Oppositionellen Mehran Barati, verheiratet. Seine vier Ehen davor scheiterten. Aus seiner zweiten Ehe hat er zwei Kinder.

Fischer ist ganz in seinem Element. Egal, wofür er sich in seinem Leben engagiert hat - immer wirkte er voll bei der Sache. Ob als Straßenkämpfer in Frankfurt, ob als anerkannter Minister auf internationalem Parkett oder als Gastprofessor. Wie viele Rollen Fischer einnehmen kann, zeigt sich darin, dass er mittlerweile als Berater für RWE, BMW und Siemens agiert. Er betont freilich, dass es ihm immer noch um dieselben Themen gehe wie damals als Mitbegründer der Grünen.

Bei der Antrittsvorlesung präsentierte sich der ehemalige Marathonläufer wieder in stattlicher Leibesfülle. Das Auf und Ab seines Lebens schien sich immer schon in seinem Gewicht niederzuschlagen: Mal war er füllig, dann wieder hager.

Heute kann sich Fischer seine Pfunde leisten. Denn er ist nicht mehr in das Korsett des politischen Amtes eingeschnürt. "Ich bin kein Politiker mehr, und ich will es auch nicht mehr sein", sagt er seinen Zuhörern in der Universität. Der 62-Jährige betont jedoch, dass seine mehr als 20 Jahre in der Politik eine fantastische Zeit des Gestaltens gewesen seien. Nur in die Tagespolitik einmischen wolle er sich nicht mehr. Um so größer müssen seine Sorgen sein, wenn er jetzt öffentlich die Griechenland-Politik der Bundesregierung rügt.

Vielleicht hilft Heinrich Heine über seine Betrübnis hinweg. Er greife bisweilen zu einem seiner Gedichte, bekennt Fischer. Meist wenn die Laune im Keller sei. Danach gehe es immer besser.

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