Ioannis Ikonomou arbeitet als Übersetzer bei der EU in Brüssel. Er wird viel bewundert, fühlt sich aber oft einsam.

Brüssel. Deutsch beherrscht Ioannis Ikonomou natürlich auch - neben 31 anderen Sprachen. Der 44-Jährige ist ein Ausnahmetalent, auch in den polyglotten Kreisen bei der EU-Kommission in Brüssel, wo der Grieche als Übersetzer arbeitet.

Sein Können hat ihm unter Kennern Bewunderung eingebracht, seine Intelligenz die Mitgliedschaft im Weltverband für Hochbegabte, "Mensa". Doch das Talent, berichtet Ikonomou, mache auch einsam.

Die Kollegen sagen, sein Fall sei absolut ungewöhnlich

Erklären kann er seine Begabung nicht. Er sei wohl damit geboren worden. Als Fünfjäriger habe er Englisch gelernt, zwei Jahre später folgte Deutsch. "Noch bevor ich zehn Jahre alt war, kam Italienisch dazu." Eine Sprache nach der anderen folgte, es sei "wie ein Spiel". Stets zählen für ihn auch Kultur, Religion und Traditionen des Sprachkreises dazu, die er sich bei Reisen erschließt. "Wie kannst Du Griechisch lernen, ohne griechischen Wein getrunken zu haben?"

Vor gut zwölf Jahren trat Ikonomou einen Job bei der Kommission an, zunächst als Dolmetscher für Konferenzen. Seit 2002 arbeitet er als Übersetzer für juristische Texte. Und das nicht nur etwa aus dem Dänischen oder Portugiesischen ins Griechische, sondern auch aus dem Weißrussischen oder Aserbaidschanischen ins Englische. Sein Fall sei "absolut außergewöhnlich", bemerkt EU-Sprachenkommissar Leonard Orban. Selbst tote Sprachen wie Gotisch, Sanskrit oder Latein sind Ikonomou geläufig.

Begonnen hatte alles auf seiner Heimatinsel Kreta. "Ich wollte unbedingt verstehen, was die Touristen sagten", erinnert er sich. "Ich hörte zu, die ganze Zeit, es waren für mich irgendwelche Laute, ohne Bedeutung." Für seine Eltern - sein Vater ist Direktor im Finanzministerium, seine Mutter ist Religionslehrerin - seien Sprachen "eigentlich überhaupt nicht wichtig" gewesen. Aber sie hätten ihm immer geholfen. "Wenn ich wieder einmal keinen Lehrer finden konnte, haben sie mir audio-visuelle Materialien gekauft." Eine Odyssee aus Studien und Stipendien brachte Ikonomou hinter sich: An die Universitäten von Columbia und Harvard, nach Wien, Peking und Teneriffa.

Seine Familie - sein polnischer Ehemann in Brüssel und Eltern und Schwester in Athen - hat sich gewöhnt an das Sprachgenie. Doch so recht teilen kann Ikonomou seine Leidenschaft nicht. Seinen Freunden berichte er beispielsweise von seiner Reise nach Mexiko, aber nicht von seiner Freude im dortigen Museum für Anthropologie.

"Ich fühle mich ganz einsam, aber das habe ich akzeptiert, das nehme ich an", sagt er. "Und wenn ich andere vielsprachige Leute treffe, interessieren sie sich vielleicht für Dinge, für die ich mich kaum interessiere, zum Beispiel nur für das Sprachenlernen."

Die Sprache allein ist ihm nämlich zu "langweilig". Die Poesie altiranischer Sprachen, Tolstoi und Dostojewski im russischen Original, die Lebensweisen des Hinduismus: "Für mich gehören Sprachen und Zivilisationen zusammen."

Als nächstes will der Grieche Amharisch, die Amtssprache Äthiopiens lernen. "Ich liebe das Land, die Kultur, und das äthiopische Essen." Nach Hebräisch sei es "eine weitere semitische Sprache, deshalb lohnt es sich für mich".

Seinem Job bei der EU will Ikonomou treu bleiben. "Unser gemeinsames Europa zu bauen ist etwas Tolles", schwärmt er. "Auch wenn die Texte, die ich übersetze, eher trocken und langweilig sein können - das ist Demokratie, dass jeder EU-Bürger in seiner Sprache die Gesetzgebung der EU finden kann."

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