Interview: Die US-Schauspielerin Meryl Streep über Religion, ihre pfiffigen Kinder und die 15. Oscar-Nominierung.

Frau Streep, in Ihrem neuen Drama "Glaubensfrage" geht es auch um Macht und Diskriminierung. Wurden Sie je in Ihrem Leben diskriminiert?

Streep: Viele Male sogar. In meinem Beruf ist es ja so, dass Frauen viel weniger Geld verdienen als Männer. Was keine echte Überraschung ist, das ist genau wie in anderen Berufen. Ich wurde auch schon als junge Schauspielerin wegen meines Aussehens diskriminiert. Als Frau begreift man schnell, dass es Grenzen gibt bei dem, was man tut.

Wie ist es mit dem Thema Alter? Sie werden im Juni 60 Jahre alt - bekommt eine Schauspielerin über 40 weniger Rollen angeboten?

Streep: Es ist schwer, das zu monieren, denn auf der Skala der Ungerechtigkeiten, die es auf dieser Welt gibt, ist das nicht wirklich bedeutsam. Wenn Menschen aufgrund ihrer Herkunft, Religion oder ihres Aussehens diskriminiert werden und leiden, ist das heftiger.

Sie spielen eine Nonne. Was hat Sie an Schwester Aloysius am meisten beeindruckt?

Streep: Ich finde sie unendlich interessant! Sie wirkt sofort Angst einflößend.

Sie erinnert an einen Stahlpanzer.

Streep: Aber die Frage ist: Was hat sie dazu gemacht? Warum ist sie ungewöhnlich empfänglich für sexuellen Missbrauch von Kindern? All diese Fragen haben mich dazu geführt, in ihrer Vergangenheit zu bohren. Menschen und ihr Verhalten sind immer ein Resultat ihrer Wunden, ihrer Erfahrungen.

Sind Sie selbst gläubig?

Meryl Streep wurde gestern auch mit einer Goldenen Kamera ausgezeichnet. Aus Spargründen veranstaltete der Springer-Verlag in diesem Jahr keine Gala, sondern gab die Preisträger auf einer Pressekonferenz bekannt. Als beste nationale Schauspieler wurden Christian Berkel ("Mogadischu") und Anja Kling ("Wir sind das Volk") geehrt. Bester Fernsehfilm wurde das ARD-Drama "Mogadischu". In der Sparte Unterhaltung ging der Preis an Olli Dittrich ("Dittsche"), Maybrit Illner bekam den Preis für die "Beste Information". Udo Lindenberg wurde für sein musikalisches Lebenswerk ausgezeichnet.

Streep: Ich interessiere mich sehr für Religion und religiöse Menschen, schon immer. Ich selbst gehöre keiner Kirche an, aber die Frage nach der Suche, nach dem Sinn des Lebens hat mich immer schon fasziniert. Ich empfinde mein Leben auch als Suche. Bisher bin ich aber nur so weit gekommen, dass ich die immense Größe dieser Frage besser erahnen kann.

Wie autoritär kann Meryl Streep sein, zum Beispiel bei der Erziehung ihrer Kinder?

Streep: In jeder Familie gibt es ja einen Elternteil, zu dem die Kinder gehen, wenn sie eine Erlaubnis brauchen. Das ist meistens der Vater, bei uns auch. Ich werde lieber nicht gefragt. Meine vier Kinder haben sogar eine Abkürzung für solche Angelegenheiten: "DTM". Das heißt "Don’t tell Mom" - "sag das bloß nicht Mama". Ich habe das so oft gehört, wenn sie miteinander telefoniert haben. (Sie hält einen imaginären Telefonhörer ans Ohr) "Das ist ja lustig! Toll! Ach so... Na klar, DTM!" Es hat lange gedauert, bis ich dahinter gekommen bin!

Von Ihnen erwartet man bei jedem Film eine oscarreife Leistung. Ist das kein hoher Druck?

Streep: Ich suche mir die Rollen nicht danach aus, um irgendein Pferderennen im Februar damit zu gewinnen. Ich porträtiere Menschen.

Und wenn es doch passiert? Sie sind jetzt zum 15. Mal für einen Oscar nominiert. Berührt Sie das noch?

Streep: Doch, aufgeregt bin ich schon! Zumindest wenn es um die Oscar-Verleihung geht. Es gibt ja jede Menge Auszeichnungen. Aber die einzigen, die für mich zählen, sind der Oscar und der "Screen Actors Guild Award" von der Gewerkschaft der Schauspieler. Weil da Kollegen entscheiden. Wenn sie sagen: "Ihre Arbeit war eine der fünf interessantesten Leistungen des vergangenen Jahres" - dann ist das wirklich ein Lob.

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