Londoner U-Bahn
Sie hassen und sie lieben sich - die Londoner und ihre «Tube». Foto: Andy Rain

Sie hassen und sie lieben sich - die Londoner und ihre «Tube». Foto: Andy Rain

Heute hat London mit mehr als 400 Kilometern das zweitgrößte U-Bahn-Streckennetz. Foto: Andy Rain

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Sie hassen und sie lieben sich - die Londoner und ihre «Tube». Foto: Andy Rain

London (dpa) - «Mind the gap!» - Man möge doch bitteschön die Lücke zwischen Zug und Bahnsteigkante beachten. An den 270 Stationen der Londoner U-Bahn gibt es diesen Satz jeden Tag zehntausende Male zu hören.

Für viele der jedes Jahr Millionen Touristen, die sich die «Tube» als eine Art Anti-Attraktion antun, ist das ein Stückchen britische Folklore. In Wahrheit passieren jedes Jahr um die 80 Unfälle, bei denen Passagiere mit dem Fuß in die Lücke geraten - und meist schwer verletzt werden.

London Underground ist längst nicht mehr auf der Höhe der Zeit. Sicherheit, Leistungsfähigkeit, Komfort - der ratternden, stöhnenden, häufig verspäteten «Tube» merkt man an allen Ecken und Enden ihr hohes Alter an. Die Auf- und Abgänge sind viel zu eng, die Bahnsteige zu schmal. Nur wenige Stationen sind mit Sicherheitstüren ausgerüstet, um den Sturz auf die Bahngleise zu verhindern. Bis 2006 gab es noch Rolltreppen aus Holz. Die Regierung hat bis 2036 die gigantische Summe von 16 Milliarden Pfund zur Verfügung gestellt, um die «Tube» - benannt nach der runden «Röhren»-Form ihrer Schächte und Züge - auf Vordermann zu bringen. Mehr als sechs Milliarden sind bereits verbaut.

Das heißt aber nicht, dass sie nicht immer wieder auch zu Überraschungen gut ist. Ausgerechnet bei den Olympischen Spielen im Sommer 2012 zeigte die «Tube» im hohen Alter von 149 Jahren noch einmal, was sie kann. «Während der Olympischen Spiele und der Paralympics gab es das niedrigste Niveau an Ausfällen und Störungen», verkündete Transport for London, die Londoner Nahverkehrsgesellschaft voller Stolz.

Dabei musste die U-Bahn gerade zu dieser Zeit auf ihren elf Linien Höchstleistungen bringen. Mehr als vier Millionen Fahrten wurden am Spitzentag gezählt - normalerweise sind es an einem verkehrsreichen Werktag rund 3,3 Millionen. Deutlich mehr als eine Milliarde Fahrgäste transportiert die Tube jährlich durch das verschlungene Netz des Londoner Untergrunds - rund die Hälfte der 402 Kilometer U-Bahn-Schienen liegen allerdings oberhalb der Erdoberfläche.

An solch olympische Höchstleistungen war vor 150 Jahren noch nicht zu denken. Züge unter der Erde? Noch kurz vor der Eröffnung urteilte die Zeitung «The Times», die ganze Idee sei «eine Beleidigung des gesunden Menschenverstandes». Die Stimmung schwankte zwischen Skepsis und Technikbegeisterung. Schnell aber siegte die Praktikabilität über ideologische Fragen. Schon im ersten Jahr nutzen 11,8 Millionen Passagiere die «Metropolitan Line», die Pionierlinie im Londoner Untergrund. London selber hatte damals gerade mal rund 3,2 Millionen Einwohner.

Zwar saßen in der Bahn Bürger fast aller Schichten zusammen - besonders aber bei Arbeitern war sie beliebt. Denn sie eröffnete die Möglichkeit, enge, heruntergekommene Behausungen in Londons überbevölkertem Zentrum zu verlassen und stattdessen in größere Wohnungen und Häuser mit Gärten in den Vorstädten zu ziehen. Londons Pendler-Strom wuchs; wo vorher kleine Dörfer standen, breitete sich die Stadt rasant aus. Dieses Muster hielt Jahrzehnte an: Als 1926 die «Northern Line» bis zum damaligen Dörfchen Morden ausgebaut wurde, lebten dort 1000 Menschen. Fünf Jahre später waren es 12 600. Ohne die «Tube» sähe London heute ganz anders aus.

In den ersten Jahrzehnten war die mehr oder weniger geordnete Linienführung, die heute jeder Tourist auf der «Tube-Map» bewundert, jedoch noch weit entfernt. Nach der «Metropolitan Line» eröffneten Schritt für Schritt weitere private Betreiber einzelne Linien. Dabei entstand ein ziemliches Chaos, das unter anderem dazu führte, dass es heute rund 40 ungenutzte Stationen gibt. Erst später wurden Verbindungsstrecken gebaut, eine gemeinsame Vermarktung als «London Underground» begann 1908.

Die allerersten Linien führten zudem noch nicht so weit in die Tiefe. Gebaut wurde nach einem Verfahren, bei dem ein Graben ausgehoben und dann wieder überbaut wurde. Gefolgt wurde oft dem Straßenverlauf. Hunderte Menschen wurden gezwungen, ihre Häuser zu verlassen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts begann man, unter der Erde Tunnel zu graben - und öffnete damit ungeahnte Möglichkeiten zur Erweiterung des Netzes.

Im Zweiten Weltkrieg rettete die Tiefe der Tunnel Zigtausende Menschenleben. Londons Bevölkerung nutzte die U-Bahn als Bunker und versteckte sich dort vor den Bomben der Nazis. Die Schächte waren aber auch Verstecke für Kunstschätze. Das Militär richtete hier Kontrollzentren etwa für die Luftabwehr ein.

Doch die tiefen Tunnel bargen auch Gefahren. 1987 kamen bei einem Feuer in der Station King's Cross 31 Menschen ums Leben. Daraufhin wurden die Brandvorschriften verschärft und zahlreiche neue Sicherheitsregeln eingeführt. Unter anderem wurde das Rauchen in den Stationen verboten. Am 7. Juli 2005 erlebte London die schlimmsten Terroranschläge seiner Geschichte: In drei U-Bahnzügen und einem Bus gingen Bomben hoch, 52 Menschen wurden getötet.

Heute ist Londons U-Bahn-Netz nach Shanghai das zweitlängste der Welt, und wächst weiter. Derzeit wird eine neue Ost-West-Verbindung gebaut, Crossrail genannt. Sie soll neuer, größer, komfortabler und besser werden. Die Eröffnung ist für 2018 geplant.

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