Die meisten Veteranen der 68er-Bewegung sind in Rente. Daniel Cohn-Bendit (64) legt in Brüssel nochmal so richtig los.

Daniel Cohn-Bendit in seinem Element: Der Deutsch-Franzose hat die Grünen in Frankreich zu einem historischen Wahlerfolg geführt.
Daniel Cohn-Bendit in seinem Element: Der Deutsch-Franzose hat die Grünen in Frankreich zu einem historischen Wahlerfolg geführt.

Daniel Cohn-Bendit in seinem Element: Der Deutsch-Franzose hat die Grünen in Frankreich zu einem historischen Wahlerfolg geführt.

Daniel Cohn-Bendit in seinem Element: Der Deutsch-Franzose hat die Grünen in Frankreich zu einem historischen Wahlerfolg geführt.

Brüssel. Früher war er Dany und rot, heute ist er Methusalem und grün - und ist doch immer noch ziemlich derselbe: Daniel Cohn-Bendit, einstimmig wiedergewählt als männlicher Teil der Grünen-Doppelspitze im Europaparlament (EP), ist Europas lebendigster Alt-68er. Viele Gefährten aus den wilden Zeiten haben sich aufs Altenteil zurückgezogen. Gerhard Schröder betätigt sich als Russen-Lobbyist und Joschka Fischer gibt kluge Ratschläge. Nur Cohn-Bendit steht weiter mitten im Polit-Getümmel. Seit der Europawahl mehr denn je.

Bei der Wahl Anfang Juni haben die Grünen bemerkenswert erfolgreich abgeschnitten, vor allem in den beiden Ländern, für die der Deutsch-Franzose Cohn-Bendit steht: In Frankreich, wo er als Spitzenkandidat eines breiten, über die Parteigrenzen ausgreifenden Bündnisses angetreten war, wurde die "Europe Ecologie" drittstärkste Kraft. Die deutschen Parteifreunde und -schwestern, für die der einstige Sponti auch schon in der Straßburger Volksvertretung gesessen hat, konnten ihr exzellentes Ergebnis von 2004 noch einmal leicht steigern.

Mehr Rückenwind haben die Öko-Freunde seit Ewigkeiten nicht gehabt. Was soll’s, dass der Käpt’n nun schon 64 ist, und obenrum eher etwas zauselig als so feuerrot wie auf den Bildern von 1968 - die Zeichen stehen auf Aufbruch: Neben der frisch gewählten Parlamentarier-Truppe wird bald eine neue Kommission ihr Amt antreten. Und sollte im Herbst endlich der Lissabon-Vertrag in Kraft treten, gibt es erstmals einen EU-Präsidenten.

Seine Ideen sind nicht immer durchdacht, er mag das Risiko

So ließ der agile Vormann keine Zeit verstreichen, das Gewicht der 51 Grünen-Mandate in die Waagschale zu werfen. Während die Konkurrenz noch an der Analyse der Ergebnisse bastelte, rief Cohn-Bendit eine Kampagne zur Verhinderung der Wiederwahl des Kommissions-chefs Barroso aus. Nicht, dass er eine Alternative hätte. Aber wer weiß, was sich alles entwickelt, wenn "Stoppt Barroso" die Absicht der Konservativen durchkreuzt, ihren Mann gleich zum Auftakt der neuen Legislaturperiode vom EP bestätigen zu lassen.

Es mag nicht immer ganz durchdacht sein, was Cohn-Bendit an Ideen in die Welt setzt. Mitunter bietet er den Mitbewerbern genug Vorlagen, ihn als Wirrkopf hinzustellen. Aber dafür hat er sich vom Leib gehalten, was Politik oft so öde macht: das steife Funktionärs-Gehabe. "Ich bin der letzte Mohikaner. Ich will nichts werden, ich mache Europa aus Leidenschaft."

Er wurde am 4.4.1945 in Montauban (Frankreich) geboren. Seine Eltern waren aus Deutschland geflohene Juden. 1958 zog die Familie nach Frankfurt. Nach dem Tod der Eltern studierte er von 1965 bis zu den Unruhen 1968 in Paris.

Cohn-Bendit trat 1984 den Grünen bei und verstand sich von Anfang an als Realo. Seit 1994 kandidiert er abwechselnd für die deutschen und französischen Grünen für das Europaparlament. In Frankreich holten die Grünen 16 Prozent.

Die Dynamik, das Unberechenbare der Politik - das ist Cohn-Bendits Element. Kaum einer kennt die Mechanismen so wie er, der jetzt in seine vierte Legislaturperiode einsteigt. Aber - so viel Sponti muss sein - spannender ist, was man nicht kennt. Macht auch mehr Spaß, wenn ein bisschen Risiko dabei ist. Und das dürfte es sein, was diesen Veteran längst vergangener Straßenschlachten frischer aussehen lässt als manchen Polit-Kollegen, der weniger Jahre auf dem Buckel hat.

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