Sie ist in Istanbul geboren, lebt in Köln und sitzt heute für die SPD im Deutschen Bundestag.

Die SPD-Bundestagsabgeordnete Lale Akgün
Die SPD-Bundestagsabgeordnete Lale Akgün

Die SPD-Bundestagsabgeordnete Lale Akgün

Die SPD-Bundestagsabgeordnete Lale Akgün

Düsseldorf. Wahrscheinlich wollte er nur nett sein, der Parteifreund von Lale Akgün, als er sie mit den Worten vorstellte: "Das ist die exotischste Frau in unserer Fraktion." Die Reaktion der sonst eigentlich ganz netten SPD-Bundestagsabgeordneten aus Köln fiel harsch aus: "Mach mal einen Punkt! Was ist denn an mir exotisch?"

Akgün wurde 1953 in Istanbul geboren und kam mit neun Jahren nach Deutschland. Hier ging sie zur Schule, hier studierte sie, hier begann sie ihre politische Karriere. Seit 1981 hat sie die deutsche Staatsangehörigkeit. Wenn es einen lebenden Beweis dafür gibt, dass Integration gelingen kann, ist sie das.

Akgün feiert am Ende des Fastenmonats das Fest des Fastenbrechens, auch wenn sie gar nicht gefastet hat. Sie ist eine bekennende Muslima sunnitischer Konfession, doch für die fünf Ritualgebete am Tag hat sie keine Zeit. Dafür bekommt die Tochter an Nikolaus Süßes in den Schuh. Das nun ist eigentlich typisch christlich. Egal, findet Akgün, und rät allen Zugewanderten, "das Gepäck ihrer Tradition neu zu sortieren".

Das Kopftuch ist für sie eher ein rotes Tuch

Das ist natürlich leicht gesagt. Ihre Eltern - er Zahnarzt, sie Mathematikerin - gehörte in der Türkei zur westlich-kemalistischen Elite. In der Familie gab es kein Kopftuch, keine religiöse Strenge. Dass sie so kurze Haare trägt, hat sie nach eigener Aussage ihrem Großvater zu verdanken. Der habe ihr geraten, die Ohren frei zu halten. Schließlich hätten Frauen dasselbe Recht wie Männer, alles Wichtige zu hören und mitzubekommen. Mit anderen Worten: Ihr eigenes traditionelles Gepäck wog nicht so schwer.

Für die promovierte Psychologin war es immer selbstverständlich, im Prinzip jede Position in der deutschen Gesellschaft erreichen zu können, eben weil sie nicht exotisch ist. Exotisch sein zu dürfen oder sogar sein zu sollen, hält sie eher für eine Projektion der Multi-Kulti-Gutmenschen.
 
Sie fänden es demonstrativ schön, wenn Migranten Folklore produzierten: exotisches Essen, exotische Musik, exotische Tänze. "Durch Multi-Kulti werden die Zugewanderten im Exotikbereich gehalten, wo man sie heute nett findet, aber morgen vielleicht nicht mehr", erklärt Akgün ihre Multi-Kulti-Phobie. Und tatsächlich: Im Moment ist es so, dass Deutschland türkische Folklore gerade einmal nicht so nett findet.

Das nun hat etwas mit einem gewissen Recep Tayyip Erdogan zu tun, seines Zeichens türkischer Ministerpräsident und für viele Türken in Deutschland der eigentliche Bundeskanzler. Akgün hat aus ihrem Ärger über den Besuch Erdogans keinen Hehl gemacht. So seien etwa die Plakate in Köln kontraproduktiv gewesen: "Mit solchen Dingen werden unsere jahrzehntelangen Bemühungen um Integration fahrlässig kaputt gemacht."

Erdogan setze auf "Minderheitenpolitik" und habe "Gruppenrechte" im Auge - ein Konzept, mit dem Akgün nicht einverstanden ist. Zu seinem Vorschlag, türkische Schulen und Universitäten in Deutschland zu betreiben, sagt sie: "Ich will nicht, dass die Kinder körperlich hier sind und geistig und seelisch in der Türkei." Auch die türkischen Medien hätten mit ihrer Berichterstattung über die Brand-Katastrophe in Ludwigshafen viel Porzellan zerschlagen: "Sie belasten mit ihren Vorverurteilungen das deutsch-türkische Verhältnis."

Aber Akgün wäre nicht Akgün, wenn sie sich nicht gleich ans Aufräumen machte. Sie gibt dem liberalen und toleranten Islam in Deutschland ein Gesicht - jetzt mehr denn je.

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