Sie gilt als Energiebündel und Quotengarantin. In dem Melodram „Annas Erbe“ (ARD 22.12., 20.15 Uhr) spielt Jutta Speidel wieder eine starke Frau mit kleinen Schwächen, die nach einem schweren Schicksalsschlag ihr Leben völlig neu ordnen muss und dabei konsequent ihren Weg geht. Auch im Interview macht die eigensinnige Schauspielerin klare Ansagen und spricht engagiert über den von Ihr gegründeten gemeinnützigen Verein „Horizont e.V“, der sich seit Jahren für obdachlose Mütter und deren Kinder einsetzt.

ARD-Film "Annas Erbe"

dpa

Frau Speidel, „Annas Erbe“ ist ein bewegendes Familiendrama, das die Geschichte der resoluten Apfelbäuerin Anna weitererzählt. Worauf beruht der Stoff?

Jutta Speidel: Annas Erbe ist für mich geschrieben worden wie auch schon „Annas Geheimnis“. Wir haben die Geschichte mit der Drehbuchautorin gemeinschaftlich entwickelt. Dafür haben wir sehr eng zusammengearbeitet. Das war ein schwerer Weg. Wir mussten ja auf die drei Figuren dieser Generationsgeschichte - Oma, Mutter und Enkelin - einzeln eingehen.

Wie viel Jutta Speidel steckt in der Figur der Anna?

Speidel: Ich kann nur immer wieder sagen: Ich bin Schauspielerin, und natürlich steckt meine Persönlichkeit in jeder Rolle, die ich spiele. Aber umso besser, wenn ich Rollen spiele, die weit von mir entfernt sind. Denn dann übe ich meinen Beruf aus. Und der ist harte Arbeit. Wir Schauspieler sind schließlich keine Spaßmacher. Und ich bin keine Anna. Die Geschichte ist vielschichtig.

Wo liegt das Kernthema?

Speidel: Es geht darum, dass eine Frau mit 16 ungewollt schwanger wird. Statt ihr zu helfen, üben die Eltern einen Riesendruck auf sie aus, das Kind zur Adoption freizugeben. Das erzählt der erste Teil der Geschichte. Im zweiten Teil kehrt die Tochter als erwachsene Frau zurück. Sie ist inzwischen selber Mutter einer halbwüchsigen Tochter. Dann wird’s spannend.

Inwiefern?

Speidel: Weil Anna von der Situation völlig überfordert ist. Zwischen Mutter und Tochter gibt es enorme Konflikte. Und dann wiederholt sich die Geschichte über die Generationen hinweg: Die Tochter wird fast im selben Alter schwanger, auch wieder ohne verheiratet zu sein. Das findet man übrigens ganz oft in Familien.

Bleiben wir beim Thema ungewollte Schwangerschaft. Sie engagieren sich seit 1997 für den Verein „Horizont e.V.“, den Sie selbst gegründet haben. Damit helfen Sie obdachlosen Müttern und deren Kindern. Was ist das Motiv für Ihren ehrenamtlichen Einsatz?

Speidel: Dass obdachlose Frauen und ihre Kinder von dieser Gesellschaft völlig ausgegrenzt werden und alleine dastehen. Darüber hat man vor 15 Jahren in der Öffentlichkeit übrigens nicht gesprochen. Man hat diese Problematik einfach verschwiegen. Und ich war die Erste und Einzige, die öffentlich darüber geredet hat.

Damit haben Sie sich sicherlich nicht nur Freunde gemacht . . .

Speidel: Vor allem wurde ich mit diesem Thema anfangs gar nicht ernst genommen. Weil man sich das nicht vorstellen konnte. Man hatte ja nie eine obdachlose Mutter mit einem obdachlosen Baby unter einer Brücke gesehen. Die Städte hatten zwar dafür gesorgt, dass es nicht so weit kommt. Aber die Unterbringungsmöglichkeiten zur damaligen Zeit waren hanebüchen.

Wie sind Sie persönlich auf diesen sozialen Missstand aufmerksam geworden?

Speidel: Ich hatte einen Bericht in der Münchner Obdachlosenzeitschrift „Biss“ gelesen. Dann habe ich mich selber auf Recherche begeben. Habe mir anderthalb Jahre lang fast alles angeguckt, was es zumindest in München an Betreuungseinrichtungen gibt.

Wie ging’s weiter?

Speidel: Na, dann hab ich dieses Projekt mit einem ganz kleinen Team konkret nach meinen Vorstellungen ausgearbeitet. Und den Verein gegründet, mit einem sehr individuell auf die Klientel zugeschnittenen Betreuungskonzept.

Woher haben Sie das Know-How dafür genommen?

Speidel: Aus meinem Verständnis als Frau und auch als Mutter zweier Töchter. Das war zwar vor allem mein sehr persönliches Empfinden, aber inzwischen hat sich herausgestellt, dass ich mit meiner Einstellung genau richtig lag.

Ist das für Sie eine Selbstbestätigung?

Speidel: Vielleicht eine kleine Genugtuung. Denn anfangs wurde ich schon oft belächelt. Einige haben gesagt: Na ja, typisch Schauspielerin. Die schafft das ja nicht. Die hat doch keine Ahnung von dem Ganzen. Aber man muss ja nicht unbedingt studiert haben, um so ein Projekt zu gründen. Man kann sich in ein Thema reinarbeiten. Und das hab ich gemacht und auch bewiesen.

Geht unsere Gesellschaft heute toleranter mit diesem unbequemen Thema um?

Speidel: Gott sei Dank hat sich insofern etwas geändert, dass es inzwischen sehr viele unbequeme Themen gibt, quer durch alle gesellschaftlichen Schichten. Auch bei den Leuten, die früher großkotzig gesagt haben, na dann muss sich die Frau halt ein bisschen besser aufführen, damit sie nicht von ihrem Mann rausgeschmissen wird.

Woraus resultiert Ihrer Meinung nach dieses Umdenken?

Speidel: Vielleicht haben jene Leute inzwischen selber so etwas in ähnlicher Form erlebt. Mittlerweile gibt es keine soziale Gruppe, in der Gewalt innerhalb der Familie nicht passieren kann. Es gibt keine Gesellschaft, die davor gefeit ist. Deshalb finde ich es richtig, dass heute auch öffentlich gemacht wird, wenn zum Beispiel einem Professor mal die Hand ausrutscht.

Wie weit reichen Ihre Kompetenzen als Erste Vorsitzende des gemeinnützigen Vereins?

Speidel: Ich würde mir niemals anmaßen, mich auf die Ebene eines Pädagogen oder Therapeuten zu stellen. Ich bin nur die Frontfrau im Außendienst. Der kreative Kopf, der die Idee in die Öffentlichkeit trägt. Aber auch eine Unternehmerin mit der Verantwortung für inzwischen 25 Angestellte, die für ihre Arbeit auch bezahlt werden müssen.

Das klingt nach einem randvollen Terminkalender. Wie schaffen Sie das alles neben Ihrem Hauptberuf als viel beschäftige Schauspielerin?

Speidel: Das ist zwar wahnsinnig viel Arbeit und ein aufreibender Balanceakt zwischen Beruf und Benefiz. Aber letztlich ist das alles eine Sache der Organisation und der Kommunikation. Mit meinen Mitarbeitern bei „Horizont e.V.“ bin ich ständig im Gespräch, auch als ich zum Beispiel für Dreharbeiten den ganzen November über in Afrika war.

Die ständige Erreichbarkeit hat aber auch ihre Kehrseite, oder nicht?

Speidel: Oh ja. Man hat so gar keine Auszeit mehr und wünscht sich manchmal ein wenig Entschleunigung. Ich wollte schon mal alles etwas langsamer angehen, aber - ehrlich gesagt - ist mir das bis heute nicht wirklich gelungen (lacht).

Wie schaffen Sie es, sich in Ihrem Fulltime-Job fit zu halten?

Speidel (seufzt): Ich bin froh, wenn ich mit meinen Hunden Gassi gehen kann. Und mache ein bisschen Yoga. Wenn ich hin und wieder Sport treiben kann, zum Beispiel Schwimmen gehen, bin ich schon sehr glücklich. Aber im Moment bleibt selbst dafür keine Zeit. Vor allem jetzt im Dezember musste ich mächtig klotzen.

Verraten Sie uns: Wie und wo werden Sie Weihnachten verbringen?

Speidel: Ganz traditionell zu Hause in München mit meinen Lieben. Darauf freue ich mich heute schon riesig.

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