Jazzpianist Joja Wendt (48) will Kinder mit einem Märchenbuch zur Musik locken und fordert asiatisches Denken.

«Tasten-Entertainer» Joja Wendt
Joja Wendt wurde von Joe Cocker in einer Jazzkneipe entdeckt.

Joja Wendt wurde von Joe Cocker in einer Jazzkneipe entdeckt.

dpa

Joja Wendt wurde von Joe Cocker in einer Jazzkneipe entdeckt.

Hamburg. In seinen Konzerten spricht der Hamburger Joja Wendt auch Menschen an, die sonst keinen Zugang zu Jazz und Klassik haben. Mit Humor und Wissen versucht er, sein Publikum zu begeistern. Zugleich kritisiert der Familienvater das deutsche Schulsystem: Die Musik bekomme nicht den Stellenwert, den sie verdient, und den sie beispielsweise in asiatischen Ländern hat.

Herr Wendt, in Ihrem Märchenbuch geht es um ein kleines Mädchen, das die Lust am Klavierspiel verliert. Wie sind Sie selbst als Kind zur Musik gekommen?

Joja Wendt: Bei uns zu Hause war Musik immer ein Thema. Meine Mutter war Profimusikerin und so bin ich schon als Baby damit in Berührung gekommen. Außerdem konnte meine ältere Schwester sehr gut Klavier spielen und ich wollte das auch können. So habe ich mit vier Jahren mit meinen Händen auf den Tasten herum geklimpert.

Gab es bei Ihnen zu Hause in Sachen Musik auch Druck von den Eltern?

Wendt: Überhaupt nicht, das war alles ganz locker. Wir waren mehrere Geschwister und jeder war bei der Musik sich selbst überlassen. Bei mir war es der eigene Wille, das Ganze wirklich ernsthaft zu betreiben, ich bin da einem Ruf gefolgt.

Der Hamburger Arztsohn Joja Wendt (48) ist als Jazz-Pianist und Komponist erfolgreich. Entdeckt wurde er von Joe Cocker in einer Hamburger Jazzkneipe und war daraufhin mit der Musiklegende auf Tour. Wendt ist verheiratet und hat zwei Kinder (10/12).

Joja Wendt, Kester Schwarz: Der kleine Flügel – ein phantastische Geschichte mit Musik, Kindler, 256 Seiten, 19,95 Euro.

Wie hat Ihr Vater als Arzt darauf reagiert?

Wendt: Er hat sich wie jeder Vater Sorgen gemacht, ob dieser Beruf mich auch wirklich wirtschaftlich trägt, oder ob er mich ein ganzes Leben lang unterstützen muss. Dabei war ich von seinen Kindern das erste, das wirtschaftlich auf eigenen Füßen stand. Besonders gerne erinnere ich mich an eine Reise, zu der mich mein Vater nach New Orleans eingeladen hat. Wir waren eine Woche lang in der Wiege des Jazz unterwegs und er hat immer mehr Gefallen am Musikerleben gefunden. In einer Kneipe durfte ich sogar spielen und bekam viel Lob vom Publikum. Da war mein Vater richtig stolz.

Sie sind selbst Vater von zwei Kindern. Raten Sie denen zum Musikerberuf?

Wendt: Ich weiß nicht, ob ich das forcieren soll, beide singen im Chor und spielen gerne Klavier. Aber ich weiß auch, dass es keinen Beruf gibt, in den man bei so wenig Aussicht auf Erfolg soviel Arbeit investiert. Da kein frustrierter Musiker zu werden, ist ein echtes Geschenk.

Wie entstand die Idee, darüber ein Buch zu machen?

Wendt: Es ist ein wenig meine eigene Geschichte. Auch bei mir gab es in der Pubertät eine Phase, in der Mädchen, Mofas und Fußball wichtiger waren als der Klavierunterricht. Und trotzdem habe ich immer weiter gespielt und das Glück gehabt, dass meine Eltern mir es ermöglicht haben, die Musik auch über die freie Improvisation zu erschließen.

Wie schwer ist es heute bei all dem Schulstress Kinder zur Musik zu bringen?

Wendt: Es gibt Schulsysteme wie in Asien, wo man erkennt, dass es Transfer-Effekte zwischen dem Klavierspiel und Fächern wie Mathe oder anderen Naturwissenschaften gibt. Auch ich war in Mathe gut und habe das Fach sogar als Leistungskurs gewählt. In Deutschland erkennt man diese Synergien bislang leider nicht und gewährt der Musik im Schulsystem nicht den Stellenwert, den sie verdient.

In ihren Konzerten versuchen Sie auch, neue Zugangswege zur Musik zu schaffen.

Wendt: Die Leute, die zu mir kommen, sind meist kein klassisches Konzertpublikum. Sie kommen aus allen Schichten, weil ich versuche, über meine humorvollen Geschichten, das zu erklären, was sie gerade hören.

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