Fußballtrainer Jörg Berger beschreibt, wie ihn die Stasi in Ost und West verfolgt und bedroht hat.

Düsseldorf. WZ: Herr Berger, mit 16 Jahren wurden Sie in das Junioren-Fußballnationalteam berufen und durften an internationalen Spielen teilnehmen. Was bedeutete das für Ihr Leben in der DDR?

Berger: In dem Moment, in dem ich erstmals offiziell in den Westen reisen durfte, war ich nicht mehr normaler DDR-Bürger, sondern im Fokus der Stasi. Wir waren Diplomaten im Trainingsanzug. Viele wussten, dass ich kein Angepasster war. Aber ich war immer fleißig und korrekt. Wäre ich kein guter Trainer gewesen, hätte ich das alles als Nichtparteimitglied gar nicht geschafft.

WZ: Um Cheftrainer in der DDR-Oberliga werden zu können, traten Sie 1975 der SED bei. Wie stark wirkte die Politik in Ihr Leben hinein?

Berger: Ich war nicht immer so stark zu glauben, dass ich es auch ohne Parteibuch schaffen würde. Dennoch habe ich die Partei nie benutzt, um Karriere zu machen. Ein Eintritt musste ja nicht gleich bedeuten, dass ich andere denunziere. Das Ganze löste bei mir einen großen Konflikt aus, weil ich einer der ganz wenigen war, der Vergleiche ziehen konnte. Der Bruch mit dem System erfolgte für mich, als ich meine Mannschaft nicht in den Westen begleiten durfte.

WZ: Um den Druck zu verdrängen, lebten Sie eine Zeit lang exzessiv. Alkohol lockert bekanntlich die Zunge. Haben Sie sich nie verplappert?

Person: Jörg Berger (* 13.Oktober 1944 in Gotenhafen bei Danzig) war Trainer des Junioren-Fußballnationalteams der DDR. Im März 1979 nutzte er ein Länderspiel in Jugoslawien zur Flucht. In der Bundesliga trainierte er u.a. Schalke 04, Eintracht Frankfurt und Hansa Rostock. 2002 ist der Vater von drei Kindern an Krebs erkrankt. Berger arbeitet heute als Experte beim Bezahlsender Premiere.

Buch: Jörg Berger: "Meine zwei Halbzeiten - Ein Leben in Ost und West", 270S., 19,90 Euro erscheint am Freitag im Rowohlt Verlag.

Berger: Ich nahm alles mit, was mir das Leben bot: Alkohol, Frauen, Partys. Selbst da war ich noch kontrolliert, denn das hatte ich schon sehr zeitig gelernt. Von 1976 bis 1979 war ich praktisch allein mit meinen Gedanken. Selbst meine Mutter als meine engste Vertraute erfuhr erst am letzten Tag von meinen Fluchtplänen. Das war eine schwere Zeit, die ich mit meinem lockeren Leben zu kompensieren versuchte.

WZ: Hat die Stasi damals gezielt weibliche IMs auf Sie angesetzt?

Berger: Ja. Darüber habe ich im Buch nichts geschrieben. Das waren eher oberflächliche Geschichten. Viel belastender war, dass ich nicht mehr wusste, wem ich überhaupt noch vertrauen konnte. Gott sei Dank habe ich nicht mal im engsten Freundeskreis eine Bemerkung gemacht.

WZ: Nach Ihrer abenteuerlichen Flucht 1979 mit Hilfe der BRD-Botschaft in Belgrad wurden Sie auch im Westen von mehreren Stasi-Mitarbeitern verfolgt und bedroht. So gab es sogar den Plan, Sie in die DDR zurückzubringen.

Berger: Nicht aus meinen Akten, sondern erst aus dem Buch des ehemaligen DDR-Nationaltrainers Bernd Stange habe ich erfahren, dass er selbst den Auftrag dazu hatte. Die Stasi hatte während der Wende genügend Zeit, Akten zu vernichten. So habe ich in meinem Fall zwar viele Maßnahmepläne gefunden, aber nichts über deren genaue Ausführung. Alles, was ich schreibe, basiert aber auf Fakten.

WZ: Im Westen hat die Stasi wohl auch einen Giftanschlag auf Sie verübt. Wurden Sie damals vom westdeutschen Geheimdienst geschützt?

Berger: Ich hatte Kontakt zum BND, merkte aber sehr schnell, dass die sehr naiv waren. Heute weiß ich, dass man mich damals gezielt vergiftet hat, wahrscheinlich mit Schwermetall. Als Folge hatte ich schwere Lähmungserscheinungen. Die Stasi ist im Westen mit einer unglaublichen Brutalität und kriminellen Energie vorgegangen. Das wird heute von führenden MfS-Leuten, die mich selbst bearbeitet haben, gern runtergespielt. Man habe einfach nur seine Pflicht für den Sozialismus getan. Ich finde es unmöglich, dass diese Leute heute noch so unverfroren öffentlich auftreten und sich rechtfertigen dürfen.

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