Der Brite Gavin Pretor-Pinney wirbt mit seinem Verband für einen sonnigen Blick auf den wolkigen Himmel.

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Gavin Pretor-Pinney gerät beim Blick in den Himmel immer wieder ins Schwärmen.

Gavin Pretor-Pinney gerät beim Blick in den Himmel immer wieder ins Schwärmen.

Cloud Appreciation Society

Gavin Pretor-Pinney gerät beim Blick in den Himmel immer wieder ins Schwärmen.

London. Wolkenberge bis zum Horizont, Dämmerlicht und Sturm: Novemberwetter ist nichts für Zartbesaitete. Hoffnung kommt nun ausgerechnet aus England, dem Liebling aller Tiefdruckgebiete. Der "Verband der Wolkenfreunde" plädiert für einen frischen Blick auf herbstliche Himmelspoesie - und verspricht Glücksgefühle.

Vom "poetischsten Teil der Natur", schwärmt der Designer Gavin Pretor-Pinney. "In Deutschland und England machen wir die Wolken schlecht, weil wir so viele davon haben", sagt der Verbandsgründer, "doch statt uns vom Himmelblau in Urlaubskatalogen verführen zu lassen, sollten wir lieber die Kunst über unseren Köpfen erkennen."

Rund 20.000 Wolkenfreunde haben sich seit 2004 in der britischen "Cloud Appreciation Society" zusammengefunden, darunter auch 500 Deutsche. Sie zelebrieren, was Sonnenanbeter so konsequent ignorieren: fluffige Türme, weiße Nebelspiralen, dahingetupftes Nichts.

Für meteorologisch Versierte klingen die Namen wie Musik: Lenticularis, Altostratus, Cumulonimbus. Andere komponieren Musik, inspiriert durch die vorbeiziehenden Himmelsgäste.

Von "Engelshaar und Eiscreme-Türmen im Himmel" sang schon Joni Mitchell. Viele Wolkenfreunde tun es ihr gleich und bedichten den Wasserdampf in seinen schönsten Formen.

"Wolken lassen sich lesen wie die Gesichter von Menschen"

Von Gavin Pretor-Pinney ist auf Deutsch das Handbuch "Wolkengucken" erschienen, Heyne-Verlag, 342 S., 20 Euro

Eine Schönwetterwolke wiegt mehr als ein Elefant: Bei 100 mal 100 Metern Ausdehnung und einer Dicke von einem Kilometer wiegt eine sommerliche Cumuluswolke zwischen 5.000 und 10.000 Kilo.

"Wolken sind der Ausdruck atmosphärischer Launen", sagt Pretor-Pinney, "sie lassen sich lesen wie die Gesichter von Menschen." Nur scheine ihm, dass die Moderne manchen zum "Wetter-Autisten" gemacht habe. "Viele sind kaum noch in der Lage, den Gesichtsausdruck der Natur zu entziffern und zu verstehen", meint der 41-Jährige.

"Statt den Himmel zu beobachten, schalten wir den Wetterbericht im Fernsehen ein. Wenn die Menschen einfach die Schönheit der Wolken erkennen würden, dann wären viele glücklicher und würden sich nicht immer woandershin wünschen."

Und weil die Wolken immer weiterziehen, "geben sie uns ein Gefühl von Raum und Weite. Man schaut in die Architektur der Atmosphäre und fühlt sich von allem frei".

Eine "Wolkenbar" hat der Verband am Strand von Lincolnshire eingerichtet. Dort gibt es Liegen für den perfekten Ausblick, serviert wird ausschließlich pure Wolkenpracht. Schließlich gilt es bei den Touren entlang des Horizonts die schönsten Exemplare fotografisch festzuhalten, denn daheim in die Vitrine stellen lassen sich die schwebenden Freigeister nicht.

So haben es wolkige Elefanten, Zahlen oder die dramatische Formationen "over Luedenscheid" auf die Internetseite des Verbandes geschafft. Vom Gefühl, eine Wolke anzufassen, ist dort die Rede, von den Mikroorganismen, die in Wolken wohnen, und immer wieder von der großen Liebe auf den ersten Blick.

Für Gavin Pretor-Pinney war das übrigens eine Zirrus-Wolke, eine "graziöse Erscheinung, eine einzige Kaskade schönster Eiskristalle". Wolke 7, das ist für den Verband ein ganz realer Ort.

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