Regina Sommer aus Aachen ist professionelle Erzählerin und zaubert Menschen mit ihrer Arbeit ein Lächeln ins Gesicht.

porträt

Oliver Berg

Aachen. Regina Sommer erzählt Geschichten. Sie braucht dafür kein Smartphone oder Internet. Erzählen, das ist der Erzähler, die Stimme, die Geschichte. Hierzulande war die Erzählkultur lange tot. Erzählt wurde höchstens noch die Gutenacht-Geschichte. Aber es wird wieder erzählt, stellt die Aachener Erzählerin fest. Vielleicht, weil die Menschen merken, dass Geschichtenerzähler glücklich machen?

„Seit den 80er Jahren gibt es eine Renaissance“, stellt die Frau fest, die sich zur Pionierszene in Deutschland zählt. In Deutschland gibt es mittlerweile knapp 50 professionelle Erzähler, eine Reihe von Erzählfestivals. Der Deutsch-Syrer Rafik Schami wurde zum Bestsellerautor und reist erzählend durch die Welt.

Von ihrer Erzählreise ist auch Regina Sommer gerade wieder nach Hause gekommen, zurück in den heimeligen Altbau, an ihren Küchentisch, auf die von der Oma geerbte Holzbank. Dieser Ort wirkt wie zwischen Alltagsrealität und Regina Sommers Erzähl-Welt aus Geschichten, Märchen, Sagen oder Legenden – die Welt der Mystik und Weisheiten. Auf dem Adventskranz sitzt eine kleine Fantasiefigur.

„Erzählen fördert die Intelligenz.“

Regina Sommer, Erzählerin

Lehrerin wollte Regina Sommer mal werden. Nach dem Studium ging sie in die USA gab Literaturkurse, stand auf Theaterbühnen. „Da hat jemand zu mir gesagt: ,Du bist ein Storyteller, eine Geschichtenerzählerin’“.

Sie sammelte Geschichten – von Erzählern aus China oder Persien, Legenden, Sagen und Märchen oder Erzählungen von George Sand und Arthur Schnitzler. Ihr Repertoire umfasst 300 Geschichten. Ihre älteste ist 3500 Jahre alt und handelt von einem Druiden aus der Keltenzeit, der seine ganze Weisheit über Natur und die Welt den Menschen überlassen wollte – die Menschen wollten aber nichts davon wissen.

Geschichtenerzählen gilt als eine der ältesten menschlichen Kommunikationsformen. Erzähler griffen die wichtigsten Ereignisse auf und waren so etwas wie das Gedächtnis einer Gruppe. In vielen Kulturen hatten sie religiöse, kultische oder bildende Aufgaben. Vielfach waren Erzähler äußerst angesehene Menschen. Die mitteleuropäische Erzählkultur soll auf Minnesänger und Troubadoure zurückgehen.

Wenn Regina Sommer in die Schulen geht, empfangen die halbstarken Jungs die kleine und zierliche Frau oft maulend: Geschichten, wie kindisch ist das denn! Sie nimmt die Provokation an. „Es kommt auf den Augenblick an – Wie sind die drauf? Da brauche ich Intuition.“

Die richtige Geschichte für das Publikum an einem bestimmten Ort, das macht für sie einen guten Geschichtenerzähler aus. Bisher hat sie noch jeden gefesselt, auch die Halbstarken, sagt sie. „Erzählen fördert die Intelligenz“, beobachtet sie und würde das gerne in einem wissenschaftlichen Projekt nachweisen.

„Ein Geschichtenerzähler gibt einem das Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein.“

Gerald Hüther, Hirnforscher

Und: Geschichtenerzähler machen Menschen glücklich. Das muss nicht erst bewiesen werden. Der Göttinger Neurobiologe und Hirnforscher Gerald Hüther weiß das. Erzähler erfüllen zwei Bedürfnisse des Menschen: Dazugehören und gesehen werden. „Ein Geschichtenerzähler gibt einem das Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein“, sagt Hüther.

Jeder in der Zuhörer-Gruppe fühle, dass er angesprochen werde. Anders als eine Tonkonserve könne ein Erzähler auf sein Publikum reagieren. Erzähler seien nicht perfekt, aber stillten das Bedürfnis nach Verbundenheit. „Es macht Menschen glücklich, wenn sie etwas erzählt bekommen vor einem anderen Menschen.“

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