Alkohol und Drogen: Der ehemalige Fußball-Held kämpft in einer Suchtklinik in Arizona um sein Leben.

Paul Gascoigne
Paul Gascoigne Ende vergangenen Jahres in Rom.

Paul Gascoigne Ende vergangenen Jahres in Rom.

Ettore Ferrari

Paul Gascoigne Ende vergangenen Jahres in Rom.

London. Jeden Tag vier Flaschen Whiskey und 16 Linien Koks – so sah die Dosis aus, mit der Paul Gascoigne die Leere seit seinem Karriere-Aus zu füllen versuchte. Mit nur 45 Jahren hat Englands Heldenkicker jetzt seine vorläufige Endstation erreicht: In einer US-Suchtklinik kämpft er um sein Leben. Es war ein Wrack, das man da Anfang Februar in Northampton auf die Bühne zerrte: Gascoigne war konfus, lallte, pöbelte. Die rechte Hand, die das Mikrofon hielt, zitterte so stark, dass er sie mit der linken stützen musste. Vergeblich. Ein trauriger Clown, mehr war von dem ehemaligen Torjäger und Spaßvogel nicht übrig.

Trägt der Profi-Fußball eine Mitschuld?

Wie Nachrufe klingen seitdem die Medienberichte in Großbritannien. Das Entsetzen der Fans richtet sich längst auch gegen Premier League und Football Association. Trägt nicht der Profi-Fußball mit dem brutalen Ausrangieren von Leistungsträgern eine Mitschuld an solchen Schicksalen? Zwischen Ausnahmespieler und armem Würstchen liegt schließlich oft nur eine Verletzung, ein Fehltritt, ein Formtief. Doch Gascoignes Abstiegskampf begann nicht erst mit dem Ende seiner aktiven Zeit. Psychische Probleme begleiteten den Arbeiterjungen aus Gateshead von Anfang an. Dass er trotz dieser Bürde so erfolgreich Fußball spielte, ist vielleicht seine größte Leistung.

Der Sohn eines gewalttätigen Kohlehändlers und einer Mutter, die vier Kinder über weite Strecken allein durchbrachte, denkt schon als Siebenjähriger an Selbstmord. Nur drei Jahre später wird der Freund seines kleinen Bruders beim Spielen von einem Eiswagen überfahren. Der zehnjährige Paul, der mit dem Kind unterwegs war, ist allein mit der Leiche, bis der Krankenwagen kommt. „Ich hatte das Gefühl, dass Stephens Tod mein Fehler war“, so Gascoigne.

Mit 13 Jahren wird er wegen Depressionen behandelt: Er kann nicht im Dunkeln schlafen, leidet an Zuckungen und klaut, um an Geld für seine Spielsucht zu kommen. Fußball ist der Rettungsanker, der sich ihm bietet. Gascoigne spielt sich von der Jugendmannschaft in Gateshead hoch zu den Tottenham Hotspurs. Bei der Weltmeisterschaft 1990 führt er das englische Nationalteam ins Halbfinale und löst damit als erster Celebrity-Kicker überhaupt eine „Gazza-Mania“ aus. Alkohol und Fußball gehen jedoch schon damals Hand in Hand.

Frühe Gerüchte über „Betankungsprobleme“ bei dem labilen Kicker wischt man beiseite. Dabei hat er längst die Kontrolle verloren. Eine Knieverletzung 1991 ist schließlich der Anfang vom Ende. Vom Training freigestellt, schlägt er die Zeit mit der Flasche tot. Seine Ehe scheitert. 1998 wird er nicht mehr fürs WM-Nationalteam aufgestellt. Der Neustart als Trainer für Kettering Town scheitert nach nur 39 Tagen.

Auch enge Freunde haben kaum noch Hoffnung

Paul Gascoigne wird am 27. Mai 1967 im englischen Gateshead geboren. Mit 17 beginnt seine Profi-Karriere bei Newcastle United. Bis 2004 spielt er in der englischen, schottischen und italienischen Profi-Liga.

„Gazza“, wie er von seinen Fans genannt wird, wurde auch durch seinen derben Humor berühmt. Unter anderem zog er einem Teamkollegen die Hosen runter, als dieser gerade im ausverkauften Stadion den Siegerpokal in die Höhe hielt.

 

Geld ist heute keines mehr da. Zwei verbliebene Freunde, Ex-Fußballer Gary Lineker und Talkshow-Star Piers Morgan, zahlen zurzeit den Klinikaufenthalt in Arizona. Unbekannt, allein, weit weg von Zuhause soll der 45-Jährige dort wieder auf die Beine kommen. „Ich hoffe, er findet seinen Frieden“, twittert Lineker, „aber ich fürchte, wir hoffen umsonst.“

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