Tradition: Die Embleme mit Geschichte haben Konjunktur. Auf der Insel werden sie von königlichen Herolden entworfen.

Oxborough. Paul McCartney und Elton John haben eins, Camilla darf sich ihres mit Prinz Charles teilen: Wappen haben Hochkonjunktur, auch bei Normalsterblichen. Gerade in der Krise stehen die schmucken Embleme für bleibende Werte. Verliehen werden sie in England allerdings nur nach Prüfung - und zwar von königlichen Herolden wie Henry Bedingfeld.

Traditionen brauchen viel Ambiente, Liebe zur Geschichte und eine Prise englische Exzentrik: In Oxburgh Hall, einem Schloss in Norfolk, kommen alle diese Dinge zusammen. Hier sitzt Henry Bedingfeld auf seiner Couch und rollt einen Stammbaum aus dem Jahr 1573 aus - gemalt auf Kalbsleder, die Tinkturen der Wappen trotz der vielen Jahre leuchtend klar. Altmodisch? "Nein", meint Bedingfeld, "wir entwerfen jedes Jahr über 200 Wappen für Universitäten, Kommunen und Privatpersonen."

Henry Bedingfeld, Herold von York, ist einer von sechs Wappen-Meistern, die zum königlichen Haushalt gehören. Im Jahr 1484 taucht sein Amt zum ersten Mal in Schriften auf. Diplomatische Boten waren die Herolde da, Kenner von Emblemen, mit denen sich Ritter auf Schutzschilden und Pferdedecken von anderen Turnierkämpfern abgrenzten - eine Art "Trikot" der frühen Neuzeit.

Das Recht auf ein Wappen gibt’s nur mit Hochschulabschluss

Heute müssen sich Interessierte ein Wappen verdienen, und damit ist nicht etwa der Preis von 4000 Euro aufwärts gemeint. "Wir mögen es gar nicht, wenn Leute davon sprechen, sich ein Wappen zu kaufen", sagt Bedingfeld, "es wird gewährt und nicht jeder ist führungsberechtigt." Ein Hochschulabschluss sei Pflicht, eine Gefängnisstrafe Ausschlusskriterium.

Danach beginnt die Feinabwägung am Londoner "College of Arms", der Wappenzentrale, ob sich der Bewerber in der Gesellschaft verdient gemacht hat. Glück haben jene, deren Vorfahren bereits Wappenträger waren, weil sie das Motiv erben dürfen. Am einfachsten haben es die von der Queen ernannten Ritter: Das Wort Ihrer Majestät gilt selbstredend als hinreichende Qualifikation. So hat sich Sir Paul McCartney ein Wappen erstellen lassen, das den Adler seiner Heimatstadt Liverpool mit Gitarre in den Krallen zeigt.

Deutsche haben es leichter als Engländer, sich ein Familienwappen zuzulegen, weil es anders als auf der Insel nicht nach "gesellschaftlichem Verdienst" oder Leistung zugebilligt wird. Jeder darf sich von heraldischen Gesellschaften ein Design entwerfen lassen und bekommt einen Wappenbrief - die Führungsberechtigung.

Früher galt es, Freund und Feind zu trennen, heute ist die Wirkung ähnlich, wenn auch zivilisierter: Firmenlogos auf Wimpeln, Fassaden und Briefpapier sind nichts anderes als moderne Wappen und manches Unternehmen engagiert da gleich den Herold.

Die Sehnsucht nach all diesen Dingen ist im Königreich ungebrochen. "Die Menschen wollen sich eingebettet wissen in Tradition und Geschichte", sagt Bedingfeld. "Wappen schenken Selbstbewusstsein und warme Gefühle wie Ansehen, Zuhause und Familienstolz - auf stille Weise, ganz ohne Snobismus."

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