Der Literaturkritiker Denis Scheck („Druckfrisch“) über gutes und schlechtes TV sowie den Eklat um Heidenreich.

Denis Scheck wünscht sich auch Brötchenkritiken.
Denis Scheck wünscht sich auch Brötchenkritiken.

Denis Scheck wünscht sich auch Brötchenkritiken.

WDR/Bauer

Denis Scheck wünscht sich auch Brötchenkritiken.

Herr Scheck, was ist dran an dem Gerücht, dass Sie als Nachfolger von Elke Heidenreich "Lesen!" im ZDF moderieren sollen?

Scheck: Ich habe eine kleine, literaturkritische Familiensendung im Ersten Programm, die wird 2009 zweimal öfter gesendet werden als bisher, nämlich zehn Mal. Damit ist mein Bedürfnis an Fernsehen weitgehend befriedigt.

Wie fanden Sie den Eklat um Elke Heidenreichs Kritik am Fernsehen und ihren folgenden Rauswurf beim ZDF?

Scheck: Offen gestanden bin ich immer noch ein wenig verdutzt, dass eine als Qualitätsdebatte des deutschen Fernsehens begonnene Diskussion damit endet, dass es eine Kultursendung im Fernsehen weniger gibt.

Können Sie sich Heidenreichs Schelte anschließen?

Mit mutigen Urteilen knöpft sich der 44-Jährige in seiner ARD-Sendung "Druckfrisch" alles vor, was die Nation liest. Scheck ist Literaturredakteur beim Deutschlandfunk in Köln.

Pünktlich zum Jubiläum erhöht die ARD die Auflage: In diesem Jahr gibt es zehn Ausgaben des halbstündigen Magazins.

Scheck: Es gibt gutes und schlechtes Fernsehen. Ich finde es entsetzlich, was alles an groteskem Schwachsinn läuft. Gleichzeitig habe ich aber die Möglichkeit, morgens, mittags und abends intelligentes TV zu sehen. Wir Fernsehschaffenden sind gut beraten, vor unser eigenen Haustür zu kehren und eine Art von Arbeit abzuliefern, dass man beim Zähneputzen in Ruhe in den Spiegel sehen kann. Ich muss mir nicht vorwerfen, dass ich zur Verblödung der Nation beitrage.

Ginge es der Welt besser, wenn die Leute mehr lesen würden?

Scheck: Nicht unbedingt, denn es gibt ja auch viele Bestseller, die durch ihre Dummdreistheit, Abgeschmacktheit und Verlogenheit die Menschen nicht weiterbringen. Es kommt also schon darauf an, was die Menschen lesen, und in der Verbesserung dessen, was sie lesen, sehe ich mein Ziel. So wie ein Gastrokritiker nicht die Aufgabe hat, die Devise "Fressen, fressen, fressen" auszugeben, so sage ich auch nicht: "Lesen, lesen, lesen."

Angesichts von 90 000 Neuerscheinungen pro Jahr: Wie suchen Sie die Bücher aus, die Sie sich in "Druckfrisch" vorknöpfen?

Scheck: Es ist völlig klar, dass niemand 90 000 Bücher lesen kann. Ich lese im Jahr grob geschätzt 150 bis 200 Bücher. Ich lese auch viele Bücher an, die ich nach drei, vier Seiten weglege, und ich lese sehr viel über Bücher, etwa in Fachzeitschriften.

Gab es auch mal einen Verriss, der Ihnen im Nachhinein leidgetan hat? Ein Buch, bei dem Sie sich geirrt haben?

Scheck: Es gab sicher schon mal ein Buch, bei dem ich mich geirrt habe, aber wahrscheinlich war das dann eines, das ich zu positiv sah. Ich gebe aber zu, dass ich darüber nachdenke, warum meine Kollegen so von Uwe Tellkamps Roman "Der Turm" begeistert sind, während das Buch mein Herz nicht erobert hat. Das mag an meinem blöden Herzen liegen.

Haben Sie sich mit Ihren Verrissen schon Feinde gemacht?

Scheck: Wer Literaturkritik betreibt, kann nicht auf den Titel "Everybody’s Darling" Anspruch erheben. Das ist ungefähr so, als würden Sie sich über den Kinderwagen einer jungen Mutter beugen und sagen: "Das Kind ist aber ausgesprochen missraten und hässlich." Natürlich macht man sich mit solchen ästhetischen Aussagen unter Autoren oder Lektoren keine Freunde. Aber alles wird besser, wenn man darüber nachdenkt und diskutiert. Deshalb wünsche ich mir auch eine Kritik zu anderen Teilen unseres Alltags: beherzte Brötchenkritiken oder eine energische Hosen-, Socken und Schuhkritik.

Druckfrisch: Morgen, 23.35 Uhr, ARD (50. Ausgabe).

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