Interview: Ehrlichkeit ist anstrengend: Der Autor Jürgen Schmieder hat sich 40 Tage lang jede Lüge verkniffen.

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Jürgen Schmieder: Die Ehe hat gehalten.

Jürgen Schmieder: Die Ehe hat gehalten.

C. Bertelsmann

Jürgen Schmieder: Die Ehe hat gehalten.

Herr Schmieder, Sie haben 40 Tage nichts als die Wahrheit gesagt - etwa, wie Sie das Aussehen Ihrer Frau oder Artikel von Kollegen finden. Sind Sie nun ein einsamer Mensch?

Schmieder: Das kann man so nicht sagen. Ich habe zwar einige Tage auf der Couch im Wohnzimmer verbracht, mein bester Freund hat mich kräftig geboxt, weil ich seiner Ex-Freundin erzählt habe, dass er sie betrogen hat. Aber meine Ehe hat gehalten, und alle meine Freunde sind mir geblieben. Ein paar Bekannte habe ich vielleicht weniger.

Warum haben Sie das überhaupt gemacht?

Schmieder: Der Durchschnittsmensch lügt 200 Mal am Tag, ich bin da keine Ausnahme. Da wollte ich mal probieren, ob es auch ohne Lügen geht.

Haben Sie geahnt, was auf Sie zukommt?

Schmieder: Ich habe die Dramatik total unterschätzt. Und bei meiner Frau musste ich ziemlich viele Sachen von Prada und Tiffany’s als Schmerzmittel einsetzen.

Wer ehrlich ist, kann ja auch mal loben.

Schmieder: Ich habe mit Erschütterung festgestellt, dass mir Lob schwerer fällt als Kritik. Da hat man schnell Angst, dass einem das als Schleimerei ausgelegt wird.

Wie kam Ihre Kritik bei den Kollegen an?

Jürgen Schmieder arbeitet als Journalist mit Schwerpunkt Sport bei der "Süddeutschen Zeitung" in München. Seine Ehe hat die Zeit ohne jede Lüge gut überstanden. Er und seine Frau Hanni haben nun einen kleinen Sohn.

Schmieder hat in dem Buch "Du sollst nicht lügen" seine Erlebnisse aus 40 Tagen radikaler Ehrlichkeit und seine Überlegungen zu Lüge und Wahrheit munter beschrieben. C. Bertelsmann Verlag, 336S. 14,95 Euro

Schmieder: Gleich am Anfang habe ich einen Kollegen einen "beschissenen Penner" genannt. Nach der Konferenz machte mir der Chef klar, dass es so nicht funktioniert. Aber im Prinzip stand er hinter dem Projekt, eine Abmahnung habe ich jedenfalls nicht bekommen.

Wie haben Sie das im beruflichen Alltag durchgezogen?

Schmieder (lacht): Das war schwer. Nach einem Spiel des FC Bayern habe ich zu Mark van Bommel als erstes gesagt: "Ihr habt heute scheiße gespielt." Er sagt: "Ja, das stimmt" und geht - das Interview war vorbei. Ich habe dann versucht, Interviews auf die Zeit danach zu verlegen.

Haben manche Ihre Ehrlichkeit auch ausgenutzt?

Schmieder: Eine Kollegin kam mit einer Liste von Fragen aus dem Kollegenkreis - wie viel ich verdiene, wen ich gern rausschmeißen würde. Die Antworten kursierten dann per Rundmail.

War es auch mal lustig, die Wahrheit zu sagen?

Schmieder: Ich habe beim Pokern einen Haufen Geld gewonnen. Ich habe die Wahrheit über mein Blatt gesagt, und keiner hat’s geglaubt.

Wie war der Weg zurück zur Lüge?

Schmeider: Das lief reibungsloser, als ich dachte. Ich gebe mir aber Mühe, ehrlicher zu sein, und bin runter auf 150 bis 170 Lügen am Tag. Und ich bin sehr sensibel geworden, wenn Leute mich anlügen oder falsch lachen.

Wäre die Welt ohne Lüge besser?

Schmieder: Ein ehrliches Wort würde nicht schaden - gerade in Klöstern und im Wahlkampf wäre uns aktuell damit viel geholfen. Aber ich laufe nicht als Wanderprediger durch die Gegend. Wenn wir eine rein ehrliche Welt hätten, bräche nach 15 Tagen der Dritte Weltkrieg aus.

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