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Sicher haben Sie bei uns von den „Pokémon“-Spielern gelesen, die in Düsseldorf seit Ferienbeginn auf der Girardet-Brücke an der Königsallee mit dem Smartphone von früh bis spät kleine Phantasie-Tierchen jagen. Ich bin dort in den vergangenen Wochen häufiger als sonst sehr spät abends vorbei gekommen, wenn wir mal wieder bis zur letzten Minute des Redaktionsschlusses daran gearbeitet haben, die leider sehr blutigen und besorgniserregenden Nachrichten dieses Sommers noch in die Ausgabe des nächsten Tages zu bekommen.

Und je nachdem, was der Tag an Nachrichten mit sich brachte, habe ich die Pokémon-Spieler auf der Brücke ganz unterschiedlich wahrgenommen. Nach dem Axt-Angriff in der Würzburger Regionalbahn fand ich es beruhigend, dass sich junge Leute bei uns nicht von einem weit entfernten lokalen Ereignis in Bayern in Panik versetzen lassen, sondern einfach weiterspielen. Nach dem Amok-Lauf in München am Freitag darauf, als wir hochkonzentriert neue Seiten herstellten und plötzlich von Explosions-Geräuschen aufgeschreckt wurden (wir hatten das Düsseldorfer Kirmes-Feuerwerk komplett vergessen), habe ich mich hinterher fast wütend gefragt, ob diese ignoranten Smartphone-Süchtigen, die von Amok-Mord und Feuerwerk völlig ungerührt bis nach Mitternacht stumpf weiter daddelten, eigentlich überhaupt noch für irgendwas aus der Wirklichkeit zu erreichen sind. Das war sicher ungerecht, aber mir geht es nicht anders als Ihnen: Manchmal habe ich von schlechten Nachrichten einfach genug.

In den anderthalb Tagen zwischen Freitagnacht und dem nächsten Anschlag am Sonntag (Ansbach, Sprengstoff-Rucksack) holten wir unsere zwölfjährige Tochter aus einem Ferien-Camp in der Eifel ab. Das Kind war vorbildlich schmutzig und begeistert; es brabbelte in einem fort von nächtlichen Herbergs-Abenteuern und neuen Freundinnen, atmete bei einem Zwischenstopp in Aachen in Rekordzeit eine Pizza ein und fiel anschließend auf der Rückbank des Autos in einen zufriedenen Schlaf.

In solchen Momenten frage ich mich, ob wir Zeitungsleute tatsächlich die Wirklichkeit abbilden, wenn wir – nach bestem handwerklichen Können und nachrichtlichem Wissen – vor lauter Katastrophen kaum noch erwähnen, dass das allein eben nicht das Leben ist. Dass es daneben viele nette Momente und Begebenheiten voller Witz und Glück und Überraschung und Schönheit gibt. Einzeln und für sich genommen geben sie vielleicht keine Schlagzeilen her. Aber als Ganzes sind sie für unser Leben glücklicherweise viel bedeutender als all die Katastrophen. In Zeiten wie diesen kommt das in der Zeitung leider oft zu kurz.

Die Redaktion hat deshalb entschieden, ab der kommenden Woche das „Stichwort“ auf der Seite 2 der Zeitung durch eine neue Rubrik mit dem schlichten Titel „Das gibt’s auch“ zu ersetzen, um Ihnen auf diesem Platz täglich mindestens eine gute, nette, überraschende Nachricht zu erzählen. Nicht, um alles andere schön zu reden oder zu relativieren. Sondern lediglich um Sie und uns daran zu erinnern, dass das andere nicht alles ist. Einen Vorgeschmack, der Ihnen hoffentlich Freude bereitet, erhalten Sie auf der Seite „Hier und Heute“.

Herzlichst
Ulli Tückmantel,
Chefredakteur

Kleinigkeit noch: Pokémon habe ich der Tochter gleich nach der Rückkehr aus dem Ferien-Camp verboten. Bisher klappt’s (zumindest lässt sie mich das glauben).

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