Anselm Kiefer, Hermannsschlacht, 1977. Foto: Maurizio Gambarini
Anselm Kiefer, Hermannsschlacht, 1977. Foto: Maurizio Gambarini

Anselm Kiefer, Hermannsschlacht, 1977. Foto: Maurizio Gambarini

dpa

Anselm Kiefer, Hermannsschlacht, 1977. Foto: Maurizio Gambarini

Berlin (dpa) - «Es ist eine Idylle», seufzt die ältere Dame im eleganten Kostüm entzückt. Im Deutschen Historischen Museum Berlin bleibt sie lange gebannt vor den Gemälden mit den romantischen Waldansichten stehen. «Unter Bäumen. Die Deutschen und der Wald» heißt die kulturhistorische Schau, die bis zum 4. März zu sehen ist.

Rund 550 Ausstellungsobjekte erzählen vom Verhältnis der Deutschen zum Wald - einer Geschichte, die nicht nur von romantischen Naturgefühlen geprägt ist, sondern auch von Mythen, Märchen, religiöser Überhöhung und falsch verstandenem Patriotismus. Baumsterben, die Entwicklung der Forstwirtschaft bis in die Gegenwart und den Wald als Touristen-Ziel thematisieren die Ausstellungsmacher ebenfalls. Zu sehen sind Gemälde, wertvolle alte Bücher, Filmausschnitte, Plakate, Spielzeug und viele weitere Dinge aus Holz: von der Blockflöte über Wanderstöcke und den erzgebirgischen Schwibbogen bis zum Sarg.

Eine Xylothek, eine Baum-Bibliothek mit rund 200 Jahre alten, in Buchform archivierten Holzarten, steht am Anfang des Ausstellungsrundgangs. Blätter, Wurzeln, Samen, Früchte und Blütenstaub der jeweiligen Art befinden sich in den buchförmigen Holzkästchen, deren Rücken mit der Rinde des erklärten Baumes beklebt ist. Damals war die aus dem Schloss Hohenheim bei Stuttgart stammende Bibliothek Lehr- und Studienobjekt, heute ist sie eine kostbare Rarität.

Ende des 18. Jahrhunderts wird der aus römischen Quellen abgeleitete Begriff «Waldvolk» populär - die Deutschen als Volk, das seine Gegner aus dem Wald heraus erfolgreich bekämpft. Die Besetzung durch Napoleons Truppen lässt die deutsche Sehnsucht nach politischer Einheit wachsen, der Wald wird zum nationalen Symbol. Im ausgehenden 18. Jahrhundert zeigen die Maler der Romantik den Wald angesichts großer politischer Umbrüche als mythisch aufgeladenes Zeugnis deutscher Kultur und Geschichte, wie die Ausstellungsmacher erläutern.

Für diese Zeit steht Caspar David Friedrich. Auf seinem 1823 entstandenen Gemälde «Kreuz im Gebirge» ist der Wald religiös überhöht als sakraler Raum dargestellt. In anderen Werken wird mit einsam im Wald gelegenen gotischen Ruinen und fiktiven Gräbern von Freiheitskämpfern alte deutsche Geschichte beschworen. Bei Carl Blechen ist der Wald eine dämonische Naturkraft. Moritz von Schwind und Ludwig Richter zeigen zwischen den Bäumen lebende Geister- und Sagengestalten.

Jahrzehnte später missbrauchen die Nationalsozialisten den Wald für ihre Propagandazwecke. In ihrer rassistischen Ideologie gilt der Wald als «angestammter Lebensraum», «Kraftquell» und «Andachtsstätte» des deutschen Volkes. Ein 1936 in Mittenwalde bei Berlin aufgenommenes Foto zeigt ein am Waldrand stehendes Schild mit der Aufschrift «Juden sind in unseren deutschen Wäldern nicht erwünscht».

Der Wald ist Kampfplatz, Sehnsuchtsziel, aber auch magischer Ort der Bewährung - wie die Helden in Märchen und Geschichten wie «Rotkäppchen», «Das kalte Herz» und «Räuber Hotzenplotz» erfahren. Kernige Naturburschen und verliebte Dirndl-Mädchen gibt es in Heimatfilmen wie «Der Förster vom Silberwald» und «Grün ist die Heide» bis Ende der 50er Jahre zu bewundern. Noch heute spielt der Wald in TV-Serien eine Rolle. Bis zur zeitgenössischen Kunst reicht auch die Auswahl der Wald-Gemälde, zu denen Anselm Kiefers «Hermannsschlacht» gehört.

Ein ganzes Ausstellungskapitel ist dem Lieblingswaldtier der Deutschen gewidmet: dem Hirsch - einige «Röhrender Hirsch»-Gemälde inbegriffen. Die auch nach dem 19. Jahrhundert gepflegte Leidenschaft für die meist unsagbar kitschigen Ölschinken ist allerdings keine rein deutsche Sache. Schon Jahrzehnte vorher hängten sich Engländer und Franzosen die brünstigen Tiere über das Sofa, wie die Ausstellung zeigt. «Ein Waldspaziergang», hat ein Besucher nach seinem Rundgang im Gästebuch notiert.

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