Mark Hamman in der Rolle des Cochenille in «Hoffmanns Erzählungen» in Osnabrück.
Mark Hamman in der Rolle des Cochenille in «Hoffmanns Erzählungen» in Osnabrück.

Mark Hamman in der Rolle des Cochenille in «Hoffmanns Erzählungen» in Osnabrück.

dpa

Mark Hamman in der Rolle des Cochenille in «Hoffmanns Erzählungen» in Osnabrück.

Osnabrück (dpa) - Hoffmann trägt Trainingshose und Plastiktüten. Hoffmann säuft und randaliert. Hoffmann tritt auf die verzweifelte Geliebte ein, und zu den schwelgerischen Klängen der weltberühmten Barkarole müssen Sanitäter Leichenteile zusammensuchen.

Regisseur Lorenzo Fioroni ließ bei seiner Neuinszenierung von Jacques Offenbachs Oper «Hoffmanns Erzählungen» keine Chance aus, das Traumbild vom romantischen Künstler zu demontieren. Doch das Premierenpublikum im Theater Osnabrück schockierte er damit nicht. Am Samstagabend wurde schon in der Pause kontrovers diskutiert, doch nach dreieinhalb Stunden gab es viel Applaus für Fioronis ebenso drastische wie ideenreiche Interpretation.

Er hat es mit Alkohol und Drogen versucht, Liebesabenteuern und Gewaltexzessen, Schminke und Frauenkleidern. Doch Hoffmann kann nicht mehr. Der depressive Künstler ist des Schreibens überdrüssig geworden und erlebt die fünfaktige Oper als letzten Tag seines Lebens. Noch einmal trifft er Frauen, Freunde und Fremde, die mit dem unbequemen Künstler nichts mehr anfangen können. Ein Vergnügungsclub, der direkt ins Jenseits führt, wird zur Endstation all der verqueren Beziehungsgeschichten. Hoffmann nimmt sich das Leben und verschwindet schnell aus der Erinnerung der Zeitgenossen. Im letzten Akt hat sich sogar schon ein Nachmieter für seine Wohnung gefunden.

Lorenzo Fioroni, der zuletzt in Kassel und Berlin für Aufsehen sorgte, setzt die Zuschauer auch diesmal unter Hochspannung. Kein Takt der opulenten Partitur bleibt ohne szenische Deutung, immer wieder gelingen ihm aufregende, irritierende, oft erdrückende Bilderfluten. Die gescheiterten Liebesbeziehungen, die E.T.A. Hoffmann (1776-1822) zu Papier brachte und Jacques Offenbach (1819-1880) am Ende seines eigenen Lebens vertonte, werden so zum zeitlosen Drama eines verzweifelten Künstlers, der am Unverständnis der Gesellschaft und seinen eigenen Ansprüchen scheitert.

Generalmusikdirektor Hermann Bäumer setzt mit dem Osnabrücker Symphonieorchester auf rauschhafte Klangfülle, die hin und wieder noch auf Kosten der Präzision geht. Doch die musikalische Umsetzung kann sich allemal hören lassen. Neben den drei Hoffmann-Geliebten Olympia (Ani Taniguchi), Antonia (Natalia Atamanchuk) und Giuletta (Sabine Ritterbusch) beeindrucken vor allem seine in verschiedenen Rollen auftretenden Begleiter (Eva Schneidereit) und Gegenspieler (Genadijus Bergorulko). Beim traurigen Titelhelden Bernardo Kim strahlt nur der Tenor. Aber das ist schließlich so beabsichtigt.

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