Das Selbstporträt von 1906 zeigt den Maler Henri Matisse (1869-1954). Foto: Succession H. Matisse/Städel
Das Selbstporträt von 1906 zeigt den Maler Henri Matisse (1869-1954). Foto: Succession H. Matisse/Städel

Das Selbstporträt von 1906 zeigt den Maler Henri Matisse (1869-1954). Foto: Succession H. Matisse/Städel

«Stillleben mit "Der Tanz"» (1909) des französischen Künstlers Henri Matisse. Foto: Arne Dedert

dpa, Bild 1 von 2

Das Selbstporträt von 1906 zeigt den Maler Henri Matisse (1869-1954). Foto: Succession H. Matisse/Städel

Frankfurt/Main (dpa) - So unterschiedlich ihre Persönlichkeiten waren, so stabil war ihre Freundschaft: Die Maler Henri Matisse und Pierre Bonnard waren fast gleich alt, Jahrgang 1869 der eine, der andere zwei Jahre älter.

Sie wählten oft ähnliche Themen: Interieurs, Stillleben, Landschaften und Akte. Beide kehrten Paris den Rücken und zogen an die Côte d'Azur. Sie trafen und schrieben sich lebenslang und schätzen die Arbeit des jeweils anderen. Aber der eine war ein Salonlöwe und Selbstdarsteller, der andere lebte bescheiden und zurückgezogen.

Im Frankfurter Städel-Museum treffen sie Jahrzehnte nach ihrem Tod nun wieder aufeinander. «Es lebe die Malerei!» heißt die Ausstellung, die an diesem Dienstag (12. September) der Öffentlichkeit vorgestellt und von Mittwoch an für Besucher geöffnet wird. Der Titel stammt von einer Postkarte, die Matisse 1925 seinem Freund schickte.

Bevor der Besucher zu den rund 120 Werken gelangt, die der Kurator Felix Krämer auf zwei Etagen zusammengetragen hat, läuft er durch zwei Reihen von Schwarz-Weiß-Fotografien: rechts Matisse in einer üppig ausgestatteten Villa, links Bonnard vor stockfleckigen weißen Wänden. Die Aufnahmen stammen von dem berühmten Fotografen Henri Cartier-Bresson, der die beiden 1944 in Nizza und Cannes besucht und bei der Arbeit und im Alltag abgelichtet hatte.

Bonnard sah in Matisse «einen von allen überkommenen ästhetischen Konventionen befreiten Geist». Matisse schrieb an Bonnard: «Ich müsste jemanden sehen, und Sie sind es, den ich sehen möchte.»

«Der Dialog zwischen den beiden war sehr eng. In der Ausstellung wollen wir diesen Künstlerdialog nachvollziehbar machen», sagt Krämer. Die Kunstgeschichte rechne Bonnard (1867-1947) gern dem späten Impressionismus und damit dem 19. Jahrhundert, Matisse (1869-1954) als Vorboten des Expressionismus aber schon dem 20. Jahrhundert zu, sagt Krämer, «aber das ist einfach nicht richtig. Ohne Bonnard kein Matisse und ohne Matisse kein Bonnard.»

In der Woche vor der Eröffnung seiner letzten Frankfurter Ausstellung - Krämer wird neuer Generaldirektor am Museum Kunstpalast in Düsseldorf - beaufsichtigt er die Hängung eines der Hauptwerke, Matisses «Stillleben mit «Der Tanz»» von 1909.

Es ist in vielerlei Hinsicht typisch, wie der Co-Kurator Daniel Zamani erklärt. Matisse zitiert sich zum Beispiel gern selbst: In der linken oberen Ecke des Bildes, das im Zentrum einen Tisch mit Obst und Blumen zeigt, sieht man die untere Hälfte eines heute sehr bekannten Matisse-Werks, «Der Tanz», das er kurz zuvor gemalt hatte. Typisch auch, «wie die Räumlichkeit fast verschwindet»: das Tischtuch, das Bild im Hintergrund, das Fenster daneben sind fast abstrakte Farbflächen.

Heute gehört das Bild der Eremitage in Sankt Petersburg. Drei Tage war es von Russland nach Deutschland unterwegs. Natalia Sepman, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Eremitage, hat den Transport begleitet: erst mit dem Lastwagen unter Geleitschutz nach Helsinki, dann mit der Fähre nach Travemünde, zuletzt wieder im Lastwagen nach Frankfurt. Das etwa 120 mal 90 Zentimeter große Bild steckte in einer Klimakiste, die Temperaturschwankungen abfedert und Feuchtigkeit abhält.

Nach dem Ausladen muss die Kiste 24 Stunden stehen, bevor sie geöffnet werden darf. Mit weißen Handschuhen wird die wertvolle Fracht auf einen Tisch gebettet. Je ein Restaurator des Leihgebers und des Leihnehmers nehmen das Bild unter die Lupe und bestätigen per Unterschrift die Unversehrtheit.

Dann sind Bjarte Gismarvik und Günter Zehetner dran. Sie sind selbst Künstler und verdienen sich im Städel als Fachleute für Hängung etwas dazu. Sie heben das Stillleben vom Tisch auf einen Wagen, fahren die fünf Meter zur Wand, stellen es auf zwei Klötzchen am Boden. In einem Handwagen mit Schubladen liegen Zollstock und Wasserwaage, Akkuschrauber und Bohrer, Schrauben, Haken, Dübel, Ösen bereit.

«Auf 1,57» will Krämer das Bild und dann bitte «ein Stück weiter links». Welches Werk wohin kommt, wird erst mit Magnettäfelchen in einem Modell simuliert. Dann wird Packpapier im Originalformat an die Wand geheftet. Bis das Bild vom Tisch an der Wand hängt, dauert es eine ganze Weile - und das mal 120. Plus tagelangem Transport. Plus jahrelangem Verhandeln um Leihgaben. «Die Logistik hinter einer Ausstellung ist schon ziemlich komplex», sagt Krämer.

Wenn die Bilder an der Wand hängen, müssen noch die Wandtexte angebracht und die Beleuchtung ausgesteuert werden, wie der Städel-Sprecher Axel Braun erklärt. Städel-Direktor Philipp Demandt ist sicher: Die Matisse-Bonnard-Schau wird «unser diesjähriges Ausstellungshighlight».

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