Gerry Rafferty
Das Cover von Gerry Raffertys Album «Baker Street», das 2002 bei EMI erschienen ist.

Das Cover von Gerry Raffertys Album «Baker Street», das 2002 bei EMI erschienen ist.

EMI/dpa

Das Cover von Gerry Raffertys Album «Baker Street», das 2002 bei EMI erschienen ist.

London (dpa) - Sie wurde als «Weichspül-Schnulze» beschimpft und in seichten Serien verschossen. Doch nach dem Tod ihres Machers Gerry Rafferty bekommt die Saxofon-Hymne «Baker Street» einen neuen, tragischen Unterton.

«Du läufst die Baker Street entlang - ein neuer, harter Tag liegt vor Dir. Dann säufst Du Dich durch die Nacht und versuchst, alles zu vergessen»: Wie viel Melancholie in den Versen des Welthits «Baker Street» steckt, lässt sich bei den angenehmen Saxofon-Klängen von Gerry Raffertys Song ziemlich leicht überhören. Schon damals, im Jahr 1978, schrieb der Schotte über seinen Kampf gegen den Alkohol, über seine Hoffnung, dass «nächstes Jahr alles besser wird».

Er hat lange gewartet, und zwischendurch sah das Leben ganz gut aus für ihn. Doch am Montag hat Rafferty den Kampf für ein bisschen mehr inneres Glück verloren und ist in seinem Haus in Dorset im Alter von 63 Jahren gestorben. Am späten Dienstagabend gab sein Sprecher den Tod bekannt. Bis heute kennen die meisten Rafferty nur durch «Baker Street». Obwohl es in zahllosen Serien, Filmen und Werbungen weichgespült wurde, hat es trotzdem auch seine echten Fans.

Einen Welthit wie den über die bekannte Londoner Straße und U-Bahn-Station hat Rafferty nie wieder gehabt. Stattdessen bewegte er sich eher auf der Straße des Desasters und betäubte sich mit Alkohol. Zwischendurch schrieb er immer wieder mal Lieder und brachte einige Platten heraus. Die wurden zwar nicht berühmt, aber ihre Qualität von Experten auch nie angezweifelt. Er lebte von der «Baker Street», denn die Tantiemen brachten ihm geschätzt 80 000 Pfund (94 000 Euro) - jährlich.

Viel ist über Raffertys Privatleben nicht bekannt. Vor allem in den vergangenen 20 Jahren mied er die Öffentlichkeit. Schlagzeilen machte er zuletzt 2008, als er nach einem tagelangen Trinkgelage sein Zimmer in einem Londoner Luxushotel zerstörte. Wegen Leberversagen musste er ins Krankenhaus. Zwischenzeitlich verschwand er plötzlich und niemand wusste, wo er war. Sogar über eine Entführung wurde spekuliert, dabei war er wohl einfach nur abgetaucht. Wenn man den Gerüchten glaubt und seinen Liedern zuhört, erahnt man das Bild eines Getriebenen. Und egal, was man über «Baker Street» denkt, im Rückblick scheint das Lied eine Menge über seinen Macher und Sänger zu verraten.

«Du hast gedacht, es wäre so einfach, Du hast gesagt, es wäre so einfach», singt Rafferty. Schon mit Anfang 20 verschrieb sich der Schotte der Musik, spielte in verschiedenen Bands und machte vor allem Folk und Rock. Seine Erfahrungen als Straßenmusiker verarbeitete er in «Baker Street». Vorher, 1972, hatte er mit der Band Stealers Wheel und dem Song «Stuck In The Middle With You» den weltweiten Durchbruch geschafft. Bis heute ist das Lied auch jüngeren Leuten bekannt, denn Regisseur Quentin Tarantino brachte die eingängige Melodie in seinem Film «Reservoir Dogs» zu neuen Ehren. Rafferty allerdings verstrickte sich schon früh in Streitereien mit Musikerkollegen.

Ob ihn die Karriere glücklich machte, ist schwer zu sagen. «Mir wurde klar, dass ich durch die ganze Welt getourt war, überall hingereist, und nichts gesehen hatte», sagte er einmal. Von seiner Ehefrau trennte er sich 1990. Zumindest starb er nicht einsam, seine Tochter Martha soll an seinem Bett gesessen haben. Offen für Interpretationen bleiben die letzten Zeilen von «Baker Street»: «Wenn Du aufwachst, ist ein neuer Morgen angebrochen, die Sonne scheint, Du gehst nach Hause».

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