Es ging immer kontrovers zu, wenn Carmen Thomas auf Sendung ging – im Rundfunk und im Fernsehen. Aber nie niveaulos.

Es ging immer kontrovers zu, wenn Carmen Thomas auf Sendung ging – im Rundfunk und im Fernsehen. Aber nie niveaulos.
Kooperation geht nur mit klaren Spielregeln. Carmen Thomas zeigt das bei einem ihrer Seminare am Beispiel des Gelsenkirchener Parkstadions.

Kooperation geht nur mit klaren Spielregeln. Carmen Thomas zeigt das bei einem ihrer Seminare am Beispiel des Gelsenkirchener Parkstadions.

1973 im „Aktuellen Sportstudio“

ZDF/Renate Schäfer/Wolfgang Radau, Bild 1 von 2

Kooperation geht nur mit klaren Spielregeln. Carmen Thomas zeigt das bei einem ihrer Seminare am Beispiel des Gelsenkirchener Parkstadions.

Köln. Kaum einer kennt Nordrhein-Westfalen besser als Carmen Thomas. 973 Mal ist sie mit ihrem WDR-Übertragungswagen durch das Land gefahren, von 1974 bis 1994. Immer donnerstags stand die „Violetta“ an einem großen oder kleinen Ort im Lipperland, in Westfalen oder im Rheinland. Oft ging es um scheinbar kleine Dinge des Alltags, auch um Tabu-Themen. Die Menschen konnten ungefiltert ihre Meinung sagen, schimpfen, lachen, weinen. „Hallo Ü-Wagen“ war die erste Mitmach-Sendung im Rundfunk.

Nur einmal war fast Funkstille. Carmen Thomas: „Das Thema war der Zufall. Wir hatten die Idee, den Ort für die Sendung durch Zufall zu finden.“ In der Redaktion wurde mit einem Dart-Pfeil auf die NRW-Karte geworfen: Sendenhorst im Münsterland. Dann wurde ein Stadtplan besorgt. Zweiter Pfeilwurf: Standort ist die Kolpingstraße.

Am Ü-Wagen wurde es dann eigenartig zäh. „Die Menschen drehten uns fast den Rücken zu“, erinnert sich Carmen Thomas. Erst nach der Sendung erklärte der Bürgermeister die ungewöhnliche Stimmung: Der Zufall hatte genau das Haus des alten Bürgermeisters bestimmt, den der Neue nach 20 Jahren aus dem Amt verdrängt hatte.

Beim Thema Sex sind die Ruhrgebietler am lockersten

Wie sind die Menschen in NRW? „Da gibt es Mega-Unterschiede“, hat Carmen Thomas hautnah erfahren. Die Eifeler ähneln den Bergischen. Im Münsterland verhalten sich die Leute ähnlich wie im Lipperland. Und bei Themen aus dem Bereich der Sexualität sind die Ruhrgebietler so locker wie niemand sonstwo. „Ich habe so viele nette Menschen gefunden die so verschieden sind“, fasst die Journalistin zusammen. „Das macht auch NRW so wertvoll.“

Sie selbst, geboren in Düsseldorf, lebt seit ihrem Studium und der WDR-Zeit in Köln. Zum Gespräch im Stadtwald kommt sie mit dem Fahrrad. „Ich bin enne echte Imi“, gibt Carmen Thomas lachend zu. Der Imi ist ein „imitierter Kölner“, der „echte Kölsche“ ist mindestens in der 3. Generation im Schatten des Domes geboren.

Geschichte Sie sind so alt wie das Land Nordrhein-Westfalen – Frauen und Männer des Jahrgangs 1946. In dieser Serie erzählen sie aus ihrem Leben und vergleichen: Was ist heute anders als früher?

Heute Carmen Thomas, geboren am 7. Mai 1946 in Düsseldorf. Die Journalistin war im WDR zu Hause, reiste mit ihrer Sendung „Hallo Ü-Wagen“ durch das Land und moderierte das Aktuelle Sportstudio im ZDF. Heute ist sie Direktorin der „1. ModerationsAkademie für Medien und Wirtschaft“.

Die Antwort auf die Frage nach dem schönsten Ort in NRW ist dann keine Überraschung mehr: Für Carmen Thomas ist es der Kölner Dom. Bei einer Sendung über Arbeitsplätze am Dom hat sie die Putzfrau kennengelernt, die am Hochaltar den Teppich saugte, und auch den damaligen Dom-Dachdeckermeister. „Herr Wolke hat mir den Dom besonders nahe gebracht. Die Kathedrale ist seitdem mein Lieblings-Bauwerk.“

Aber es gibt noch einen zweiten, gleichwertigen Lieblingsort von Carmen Thomas: das Wasserschloss Ehreshoven im Bergischen Land. Hier hat sie von 1998 bis 2015 in ihrer „1. ModerationsAkademie für Medien+Wirtschaft“ geforscht und Menschen gecoacht, die, etwa als Journalisten, Unternehmer, Ausbilder oder Verbandsvertreter, so effizient miteinander arbeiten wollen wie die Ruderer in einem Achter.

„Wer in Ehreshoven durch den Torbogen geht, dem geht das Herz auf“, schwärmt die Schloss-Frau. Das Anwesen beherbergt ein Damenstift der Rheinischen Ritterschaft und diente unter anderem als Filmkulisse für „Verbotene Liebe“. 21 mächtige Auerochsen leben in freier Wildbahn rund um den Adelssitz.

Erinnerungen – spürbar ist für Carmen Thomas heute noch das Ende der „Bonner Republik“ und der Hauptstadtwechsel nach Berlin. „Bonn war überschaubar und machte NRW wichtiger. Mit den Politikern und den Behörden sind auch die Familien fortgezogen. Danach wurde Nordrhein-Westfalen fast eine Art Zonenrandgebiet.“

Johannes Rau – hoch kompetent und zugleich ein Fuchs

Einen Nordrhein-Westfalen, der in der alten, neuen Hauptstadt seine letzte Ruhestätte fand, möchte die jahrzehntelange Politik-Beobachterin noch besonders erwähnen: Johannes Rau, Oberbürgermeister von Wuppertal, Wissenschaftsminister und Ministerpräsident in Düsseldorf, von 1999 bis 2004 Bundespräsident in Berlin. „Rau war hoch kompetent und zugleich ein Fuchs, ein Meister im Strippenziehen. Er ging seinen Weg - nicht laut, sondern höösch.“ Was Kölsch ist und so viel bedeutet wie vorsichtig, leise.

Schönes und Innovatives in Nordrhein-Westfalen? Carmen Thomas könnte den Verantwortlichen einige Methoden an die Hand geben, wie man Einfälle sammelt, aus dem scheinbaren Chaos Methoden herausfiltert und Ziele gemeinsam angeht. Live zu besichtigen ist das im oberbergischen Thier, Stadtteil von Wipperfürth. Seit 1975 stemmen sich die rund 1500 Einwohner mit vielseitigem Engagement gegen das vermeintliche Schicksal, ein sterbendes Dorf zu sein, auch mit Unterstützung der Moderations-Akademie. Inzwischen sind die Thierer eine sich selbst moderierende Gruppe geworden - und ein vitales Vorzeige-Beispiel. Thier erhielt 2015 bei der Grünen Woche in Berlin die Goldmedaille im Bundeswettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft.“

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