Interview

Die Toten Hosen: „Den Erfolg kann man nicht planen“

Die Toten Hosen: (v.l.) Bassist Andi, Gitarrist Kuddel, Sänger Campino, Schlagzeuger Vom und Gitarrist Breiti. Foto: Paul Ripke

Düsseldorf. Fünf Jahre hat es gedauert. Jetzt sind Die Toten Hosen als Deutschlands Rockband Nummer eins zurück. „Laune der Natur“ (Veröffentlichung am 5. Mai) heißt das neue Album der Düsseldorfer. Es ist der Nachfolger ihres persönlichen Erfolgsmonuments „Ballast der Republik“ von 2012. Frontmann Campino erzählt, wie es dazu kam – und wie man als Künstler glaubwürdig bleibt.

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Campino, das vorige Album „Ballast der Republik“ war das erfolgreichste in der Karriere der Toten Hosen. Schwang der Ballast dieses Erfolges bei den Aufnahmen zu „Laune der Natur“ mit, sprich: Mussten Sie sich besonders anstrengen, damit die neue Platte mindestens genauso gut wird?

Campino: Anstrengen wollen wir uns immer. Aber ich glaube, es wäre schwachsinnig, dieses Rennen mit „Ballast der Republik“ einzugehen. Das schafft man nicht. Was macht den Erfolg einer Band, eines Liedes aus? Da kommen so viele Zufälle zusammen: Das Lied muss gut sein. Der Moment der Veröffentlichung muss passen. Das kann man gar nicht alles planen. Entsprechend konnte auch keiner mit dem rechnen, was uns da mit „Ballast der Republik“ passiert ist. Wir waren ja bis dahin auch schon absolut zufrieden mit unserem Leben. Natürlich: Dass es dann noch mal für unsere Verhältnisse einen solchen Erdrutsch gab, haben wir gerne mitgenommen. Wir freuen uns auch nach wie vor darüber. Aber: Es wäre Unsinn, sich davon jetzt belasten zu lassen.

Kann man das denn so entspannt sehen in diesem Geschäft?

Campino: Nein. Man muss schon sein Bestes geben. Und wir haben beim neuen Album unser Bestes gegeben – das kann ich wirklich sagen. Aber es ist eben wie in der Champions League: Irgendwann kommst du vielleicht ins Finale. Und vielleicht holst du sogar mal den Pott. Aber manchmal scheidest du eben auch im Viertelfinale aus. Sprich: Es kann alles passieren, denn da spielen viele gute Mannschaften. Es gibt keine kleinen Gegner mehr.

Wie bleibt man als Künstler bei all dem glaubwürdig?

Campino: Ich persönlich bin bemüht, mein Leben in die Texte einfließen zu lassen und nicht zu vergessen, wo ich gerade stehe. Ich kann heutzutage nicht mehr so tun, als sei ich Anfang 30 und wollte draußen noch einen Baum ausreißen. So eine Art des Selbstbescheißens und des Bescheißens von Anderen liegt mir nicht. Da ist auch nichts hinter – und das merkt man sofort. Wir versuchen daher, das Problem zu umgehen und trotzdem eine gewisse Power an den Tag zu legen. Damit sind wir ja nicht allein auf weiter Flur. Da draußen laufen immer noch Leute herum wie etwa Metallica oder die Red Hot Chili Peppers.

Man kann ja über die denken, was man will. Aber Fakt ist: Sie stehen nach all den Jahren noch immer stark da. Sie sind keine Persiflage ihrer selbst geworden und fahren ein ordentliches Brett. Und wenn man das jetzt eine Runde weiterdreht, dann kommen wir zu Iggy Pop, der trotz hohen Alters immer noch toll ist auf der Bühne. Oder zu den Rolling Stones: Die sind über 70. Aber trotzdem sind sie es, die mit einem Konzert in Havanna in aller Munde sind – und kein anderer. Oder nehmen Sie Nick Cave: Bei dem ist es doch vollkommen egal, wie alt er ist, denn er ist einfach nach wie vor ein großartiger Geschichtenerzähler, der einem immer noch jederzeit einen tollen Abend bescheren kann. Das ist Glaubwürdigkeit.

Und wie schwer ist es, nicht zur Persiflage seiner selbst zu werden?

Campino: Das ist manchmal nicht leicht. Man braucht gute Freunde, die einem Bescheid sagen, wenn es peinlich wird.

Haben Sie gute Freunde?

Campino: Wir haben sogar das Glück, viele gute Freunde zu haben. Freunde, die nicht aus Ehrfurcht vor uns mit ihrer Meinung hinterm Berg halten. Darauf sind wir angewiesen. Wobei man das mit der Peinlichkeit ja auch durchaus anders sehen kann . . .

Nämlich?

Campino: Selbst wenn du peinlich bist: Solange du Spaß daran hast, ist das doch egal. Dann ist es eben die Freifahrkarte für ein Endlosleben in der Peinlichkeit. Das kenne ich von mir auch. Ich bin beispielsweise ja auch immer noch Musik-Fan und fahre zu Festivals nach Blackpool, um mir die alten Punkbands dort anzuschauen. Da gibt es viele Momente, in denen es mir vorkommt, als ob mir jemand ins Gesicht schreit: „Wach’ mal auf! Das hier ist nicht mehr 1977!“ Und dann wache ich auch auf und sehe ein total lahmarschiges Publikum und Künstler, die es auf der Bühne eben nicht mehr bringen. Aber Spaß macht es trotzdem, und es gibt immer wieder auch noch einige von den alten Rittern, die die Funken nur so fliegen lassen, und dabei kann ich dann wieder anfangen zu träumen.

Wünschen Sie sich insgeheim, einmal eines Ihrer eigenen Konzerte als Fan sehen zu können?

Campino: Um Gottes Willen! Nein! Danach wäre ich wahrscheinlich total blockiert! Ich glaube, das Selbstbild, das man von sich hat, und das Bild, das die anderen von einem haben, gehen doch weit auseinander. Ich halte mich lieber an die Maxime: „So lange die Sache klappt, fummel’ nicht dran rum.“ Und in diesem Moment würde ich garantiert damit anfangen, daran rumzufummeln, weil ich wahrscheinlich denken würde: „Der Typ hat ne Meise!“ Und dann würde ich Komplexe bekommen.

Ihr Song „Pop & Politik“ dreht sich höchst sarkastisch um Ihr politisches Engagement und die Tatsache, dass Sie dafür gerne mal harsch angegangen werden. Darf man also folgern, dass Sie sich über diese Kritik ärgern?

Campino: Ach, ich sehe das eher mit einem lachenden Auge. Ganz ehrlich: Dieser Song sollte zuerst gar nicht aufs Album. Den Titel fanden zwar alle gut. Aber die Jungs meinten auch: „Willst Du auf dieses Thema wirklich noch mal eingehen? Das will doch keiner hören.“ Der Song sollte dann nur als Bonussong auf eine der Singles. Aber dann hat uns „Pop & Politik“ doch so einen großen Spaß gemacht, auch weil das Lied so rau ist und da reichlich geschrien und gerotzt wird, dass wir es in letzter Sekunde doch noch auf die Platte packten.

Das musste ja auch mal gesagt werden. Für uns selber. Wir mussten mal auf all diese Klischees, mit denen man da so angegangen wird, und auf dieses Phänomen der Shitstorms eingehen. Das hat heutzutage ja eine neue Qualität: Die Leute haben zwar schon vor 30 Jahren dieselbe Scheiße gedacht. Aber man hat es nicht zur Kenntnis nehmen können, weil es kein Internet gab.

Manch einer spricht diesbezüglich auch gerne von den asozialen Medien . . .

Campino: Verständlich. Und heute betrifft es ja nicht nur uns, sondern auch alle anderen, die sich politisch äußern. Nehmen Sie Jennifer Rostock: Wie die angegangen und was da für Drohszenarien aufgebaut werden, wenn sie irgendetwas gegen Rechts singen – das ist schon unglaublich! Es ist schlimm, wie Stimmen in den Sozialen Netzwerken versuchen, Musiker und andere Personen der Öffentlichkeit unter Druck zu setzen, um ihnen den Schneid abzukaufen. Ich nenne Ihnen da gerne noch ein Beispiel: Wir haben für die Band-Aid-Aktion vor zwei Jahren, also für die Benefiz-Single anlässlich der Ebola-Epidemie in Westafrika, wirklich viel Dresche bekommen.

Aber das war nicht alles. Vielmehr war es damals bereits im Vorfeld so, dass ich ein, zwei Künstler, deren Namen ich jetzt nicht nennen werde, angerufen habe. Menschen, die wirklich in Ordnung sind und von denen ich dachte: „Die helfen uns auf jeden Fall!“ Aber als ich sie fragte, ob sie mitmachen wollten, war die Antwort: „Nein, sorry! Lass’ uns da mal raus. Das könnte Ärger geben.“ Da stellt sich doch die Frage: Was hatten die für Ängste? Die Antwort ist ganz einfach: Sie hatten die Befürchtung, ihre Coolness zu verlieren. Und genau das finde ich bedenklich . . .

Ja, viele haben uns damals ausgelacht und ihre Witze über uns gemacht. Dabei muss man aber mal sehen, was nach ein paar Jahren aus diesem Projekt geworden ist: Es hat mehr als fünf Millionen Euro eingespielt! Von diesem Geld sind unter anderem Schulen gebaut und Krankenhäuser unterstützt worden. Wir haben das auch auf Facebook bekannt gegeben. Aber denken Sie, das hätte jemanden interessiert? Denken Sie, irgendein Medium hätte mal ein Foto gebracht und dazu geschrieben: „Hier gehen jetzt 300 Kinder zur Schule, die Vollwaisen sind, weil ihre Eltern an Ebola gestorben sind“? Pustekuchen. So etwas ist keine Meldung.

Es heißt, schlechte Nachrichten in den Medien erregen mehr Aufsehen als gute.

Campino: Das liegt in der Natur der Sache. Ich will das jetzt auch gar nicht weiter ausführen. Es geht vielmehr darum: Künstler sollten keine Angst haben, sich politisch einzubringen. In Wien beispielsweise gab es 2015, als die Zahl der Flüchtlinge rasant stieg, ein Riesen-Stadtfest und Livemusik, eine Kundgebung, um die Willkommenskultur zu unterstützen. So etwas war auch in Berlin geplant. Aber was passierte? Es scheiterte. Und zwar daran, dass viele Künstler sagten: „Wir machen nicht mit.“ Die hatten in Erinnerung: „Das kann Ärger geben. Wenn wir da einsteigen, dann machen die wieder Witze über uns. Dann machen sich die ganzen Böhmermänner wieder lustig.“ Leute wie er können es sich auf die Fahnen schreiben, dem Geist der Hilfsbereitschaft in die Eier getreten zu haben. Wenn das ein Verdienst ist, dann herzlichen Gückwunsch . . .

 

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