Bob Dylans Reise in die Unterwelt

Düsseldorf. Er wirkt wie jemand, der im Leben schon alles gesehen hat. Als Bob Dylan vor 50 Jahren sein erstes Album veröffentlichte, schuf er den „Song to Woody“ für sein großes Vorbild, Folksänger Woody Guthrie. In der letzten Zeile heißt es dort, frei übersetzt: „Ganz am Schluss möchte ich sagen können, dass auch ich eine harte Reise hinter mir habe.“

Die wuchtigen Texte passen zur abgekämpften Stimme

Von

Dylan ist mittlerweile 71 und hat beileibe bittere Zeiten erlebt. Davon zeugen sein zerfurchtes Gesicht und noch vielmehr sein rauer Gesang. Auf seinem jetzt veröffentlichten 35. Studioalbum „Tempest“ („Sturm“) presst er die zehn Songs so kratzig aus seiner Kehle wie nie zuvor.

Die dichten, wuchtigen Texte voller Anspielungen passen zur abgekämpften Stimme. Sie sind düster, handeln von Liebe und Tod, Enttäuschung und Zerstörung. Dabei erzeugt seine Band um den hervorragenden Gitarristen Charlie Sexton im Kontrast einen Klang, der bei Dylan nicht melodiöser sein kann.

Gerade dieser Widerspruch erzeugt eine Spannung, die sich erst im letzten, wunderschönen Song „Roll on John“ auflöst. Dylan besingt sehr gefühlvoll das Schicksal seines ermordeten Freundes und Konkurrenten John Lennon. Wie eine Art Erlösung wirken die biblisch anmutenden Zeilen „Shine your light“ („Lass Dein Licht glänzen“) und „Move it on“ („Beweg es weiter“).

Doch bevor der Hörer an diesen Punkt gelangt, muss er zunächst einen wahren Sturm an Emotionen überstehen. Dylan führt mit vertraut wirkenden Motiven über einen „narrow way“ („schmalen Weg“), durch „long and wasted years“ („lange und vergeudete Jahre“) bis hin zu einem tragischen Dreiecksdrama mit tödlichem Ausgang in „Tin Angel“ („Zinn-Engel“).

Dylan weiß, dass sich die Katastrophe nicht aufhalten lässt

Meisterlich entwirft der 71-Jährige leidenschaftliche und faszinierende Geschichten, die er mit Wortgewalt und viel Sinn für Tragik erzählt. Als Glanzstück des großartigen Albums darf das knapp 14-minütige, titelgebende „Tempest“ gelten.

Es handelt vom Untergang der Titanic, den Dylan in epische Verse packt. Nicht nur das Schiff versinkt in die „Unterwelt“, die ganze Menschheit geht gleich mit: „The good, the bad, the rich, the poor, the loveliest and the best” („Die Guten, die Schlechten, die Reichen, die Armen, die Schönsten und die Besten”).

Die Katastrophe lässt sich nicht aufhalten, Dylan weiß das. Er hat im Leben schon alles gesehen.

Bob Dylan: Tempest, Sony/Columbia, Länge: ca. 68 Minuten.

Zur Startseite